Dossier 2/2017

«Wir verschieben unseren Pflegenotstand»

26.05.2017
Sarah Schilliger, Soziologin und Dozentin an der Universität Basel. Foto: Kostas Maros

Reiche Länder wie die Schweiz lagern Care-Arbeit zunehmend an billige, ausländische Arbeitskräfte aus. Die Soziologin Sarah Schilliger hat das Phänomen der Global Care Chains untersucht.

Global Care Chain – was müssen wir uns darunter vorstellen?

Übersetzt bedeutet dies globale Betreuungskette. Ich gebe Ihnen ein typisches Beispiel aus der Schweiz: Die Angehörigen einer alleinstehenden, an Demenz erkrankten Frau rekrutieren über eine Vermittlungsagentur eine 24h-Betreuerin aus Polen, die sich um deren Haushalt und Betreuung kümmert. Die Frau aus Polen hat selber pflegebedürftige Eltern, die wiederum von einer Hausarbeiterin aus der Ukraine gepflegt werden. Der Lohn, den die Frauen für ihre Arbeit erhalten, nimmt entlang der Kette ab und spiegelt die globalen Lohnungleichheiten.

Wird die Care-Arbeit immer unter Frauen verschoben?

Tatsächlich wird Care-Arbeit oft unter Frauen weitergegeben, bei uns wie in armen Ländern. Es kommt also nicht zu einer Neuverteilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen, sondern zu einer Verlagerung der Care-Arbeit auf den Markt, auf dem häufig Migrantinnen zu prekären Bedingungen angestellt sind. Wir verschieben also unseren eigenen Pflegenotstand in ärmere Länder. Kommt hinzu, dass Care-Arbeit dadurch immer mehr abgewertet wird – obwohl genau das Gegenteil dringend nötig wäre. Denn die Fürsorgearbeit ist elementar für unsere Lebensqualität. «Wir verschieben unseren Pflegenotstand» Reiche Länder wie die Schweiz lagern Care-Arbeit zunehmend an billige, ausländische Arbeitskräfte aus. Die Soziologin Sarah Schilliger hat das Phänomen der Global Care Chains untersucht.

Was sind die wichtigsten Auslöser für diese Entwicklung?

Zum einen die grosse Nachfrage nach umfassender und bezahlbarer Pflege. Das Pflegesystem wird bei uns zunehmend rationalisiert, während die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Gleichzeitig ist Gratispflege durch meist weibliche Angehörige immer weniger selbstverständlich, weil die Erwerbsquote von Frauen in den letzten zwanzig Jahren stark angestiegen ist. Zum anderen migrieren zunehmend auch Frauen, um die Existenz ihrer Familien im Herkunftsland zu sichern. Auf den Philippinen etwa wird der Export von Care-Arbeiterinnen staatlich gefördert, weil man sich davon Geldrückflüsse verspricht. Erleichtert wird das Ganze durch die wachsende Migrationsinfrastruktur. Dank neuen Kommunikationsmitteln, schnellen und billigen Transportmöglichkeiten und trans-national agierenden Vermittlungsunternehmen kann man heute per Mausklick eine Hausangestellte bestellen, die innerhalb von 72 Stunden vor der Türe steht – mit Rücknahmegarantie.

Gibt es Zahlen dazu, wie viele Care-Arbeiterinnen in der Schweiz arbeiten?

Leider gibt es keine aussagekräftige Statistik, da viele Frauen behördlich nicht gemeldet sind. In der 24-StundenBetreuung, die vor allem die Pflege älterer Menschen umfasst, sind bei uns häufig Osteuropäerinnen tätig. Hier kam es in den letzten Jahren zu einem enormen Zuwachs, was die rund 70 in der Schweiz tätigen Vermittlungsagenturen bezeugen. Weiter sind laut Schätzungen 40000 Sans-Papiers, viele aus Lateinamerika oder Südosteuropa, in der Haushaltsarbeit oder Kinderbetreuung engagiert.

Welche Lösungen sehen Sie?

Es braucht dringend mehr Arbeitsrechte für Hausarbeiterinnen in der Schweiz. Der Haushalt ist noch immer nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt. Mittel- und langfristig können wir das Problem jedoch nur gesamtgesellschaftlich angehen. Die öffentlichen Care-Dienste müssten massiv ausgebaut werden. Darüber hinaus müssen wir das Verhältnis von Careund Erwerbsarbeit grundsätzlich überdenken. Wir leben in einer brutal erwerbszentrierten Arbeitsgesellschaft. Doch Zufriedenheit lässt sich nicht alleine an der Arbeit und dem Einkommensstandard messen. Sie ist mindestens so abhängig von der Zeit, die wir für uns und unsere Mitmenschen zur Verfügung haben. — Interview: Pascale Schnyder

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