Arbeitsbedingungen in der IT-Industrie - Perspektiven 3/2018

«Wir geben unser Leben»

27.09.2018
 
Eine neue Studie belegt, dass Arbeitsbedingungen in chinesischen Elektronikfirmen Angestellte in den Selbstmord treiben. Konstruktiver Dialog mit dem Branchenverband soll Abhilfe schaffen.
 
Eigentlich wollten Brot für alle und ihre Partner Namen veröffentlichen. Namen von Firmen, die dazu beitragen, dass Fabrikarbeiterinnen und -­arbeiter in der Elektronikindustrie in China Selbstmord begehen. «Wir geben unser Leben hin, um ein Einkommen zu erzielen», beschreibt eine Angestellte die gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen, die sie in die Verzweiflung treiben. Denn die Fabriken wälzen den Produktions-­ und Preisdruck, den sie durch die auftrag­gebenden globalen IT-Firmen erfahren, auf die Menschen an den Fliessbändern ab. Arbeitsstress ist ein wichtiger Grund für die hohen Selbstmordraten in chinesischen Elektronikfabriken. Dies belegt die neue Studie «The Missing Link: Suicide & Employment conditions in the Chinese electronics sector» von Electronics Watch und dem Economic Rights Institute. Sie wurde durch Brot für alle mitfinanziert.
 
Stress und Einschüchterung
 
2010 trat die Problematik erst­mals ins öffentliche Bewusst­sein. Zahlreiche Selbstmordfälle beim chinesischen Apple­-Zulieferer Foxconn sorgten damals für Schlagzeilen. Die neue Studie untersucht nun die Zustände in weiteren Firmen. Sie zeigt auf, dass die Arbeitsbedingungen in den Fabriken bei Suiziden eine massgebliche Rolle spielen. Zu den wichtigsten Faktoren zählen der Stress wegen nicht gewährten Ruhezeiten und Freitagen sowie Konflikte und Einschüch­terung durch das militärisch organisierte Überwachungspersonal. Eintönige Arbeitsvorgänge ohne jegliche Änderungsperspektiven tragen zu Depressionen bei. Ungenügende oder nicht ausbezahlte Löhne verschärfen den psychischen Druck zusätzlich. Untersucht wurden 167 via Internet veröffentlichte Selbstmordfälle. Anschliessend erfolgten Arbeitnehmerumfragen in 44 Firmen und Interviews mit 252 Angestellten in vier ausgewählten Fabriken.
 
Stein ins Rollen gebracht
 
Warum also werden keine Namen genannt? Erstmals haben sich die Autoren der Studie mit Einverständnis von Brot für alle für ein alternatives Vorgehen entschieden. Dies mit der Absicht, dank den Erkenntnissen aus der Studie konkrete Verbesserungen für die Fabrikarbeiter/innen zu bewirken. Die betroffenen  Unternehmen – chinesische Fabriken wie auch internationale IT­-Markenfirmen und der einflussreiche internationale Branchenverband Responsible Busi­ness Alliance (RBA) – haben die Ergebnisse bereits vor der Veröffentlichung erhalten und konnten dazu Stellung beziehen. Die RBA hat sich in der Folge bereit erklärt, Gespräche mit Electronics Watch aufzunehmen, um die Möglichkeit einer Taskforce zu eruieren. Diese soll die thematisierten Missstände mit ihren Mitgliedern und im Dialog mit Electronics Watch und weiteren Stakeholdern angehen. Bedingung ist, dass die Namen der betroffenen Firmen vorerst nicht veröffentlicht werden. Sollte die Taskforce zustande kommen und produktiv arbeiten, könnte Anfang 2019 über erste Fortschritte zugunsten der Fabrikarbeiterinnen und ­-arbeiter berichtet werden. Öffentlich und mit den Namen der betroffenen Firmen. — Karin Mader, Foto: EPA /Julien Tan