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Blog #1: Warum spricht in der Schweiz niemand über Guatemala?

03.12.2019


Ester Wolf arbeitet bei Brot für alle

im Team Recht auf Nahrung
und ist Vorstandsmitglied der Internationalen Plattform
gegen Straflosigkeit in Honduras und Guatemala 

 

Vier Männer stehen vor einer Mine in GuatemalaEine Mine in Guatemala bedroht die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Foto: Patricio Frei

Warum spricht in der Schweiz niemand über Guatemala?

Genf, Ende November 2019: Ich sitze mit einer Gruppe von Guatemalteken in der überheizten Cafeteria des Uno-Hochkommissariats. Der für Guatemala verantwortliche «Human Rights Officer» hat sich eine Stunde Zeit eingeräumt, um sich deren Anliegen anzuhören. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber er muss gleich weiter zum nächsten Termin.

Die Geschichten sind erschütternd. Da ist zum Beispiel der junge Journalist, der einer indigenen Volksgruppe der Mayas angehört. Er musste in Guatemala monatelang untertauchen, weil er über die Verschmutzung des Izabal-See durch ein Minenunternehmen berichtete. Ausserdem schrieb er über einen Fischer, der 2017 auf einer friedlichen Demonstration gegen die Aktivitäten des gleichen Minenunternehmens von der Polizei erschossen wurde. Seitdem bekommt der Journalist Morddrohungen, musste seinen Namen ändern und konnte seine Kinder aus Sicherheitsgründen nicht mehr sehen. Auch ich werde seinen Namen besser nicht nennen.

Er gibt zu bedenken, dass es in der heutigen Zeit in Guatemala schwer für einen Journalisten ist, über Umweltthemen zu sprechen. Trotzdem lässt er sich nicht einschüchtern und berichtet mutig weiter über die schlimmen Auswirkungen der Minenaktivitäten. Als Antwort schickt der Staat Soldaten, um die Unternehmen dort zu schützen. Guatemala hat über 20 «Sicherheitszonen» eingerichtet. Hier herrscht offiziell Ausnahmezustand und das Militär hat das Sagen. Es verwundert nicht, dass diese Zonen immer genau dort sind, wo grosse Unternehmen aktiv sind und die Bevölkerung über gravierende Menschenrechtsverletzungen berichtet.

Anstatt von der Polizei geschützt zu werden, wird 2019 gegen den Maya-Journalisten Haftbefehl erhoben. Er durfte das Land nicht verlassen und musste sich regelmässig bei den Behörden melden. Erst vor kurzem wurde vom Gericht bestätigt, dass die Anschuldigungen gegen ihn nicht Bestand haben und der Haftbefehl aufgehoben werden muss. Deshalb kann er jetzt nach Europa reisen, um hier bei der Uno und den europäischen Regierungen um Unterstützung zu bitten.

Die Konzernverantwortungsinitiative könnte viel bewirken

Das besagte Minenunternehmen, das Nickel im Departement Izabal rund um den Izabal-See abbaut, hat eine direkte Verbindung zur Schweiz: Die in Zug ansässige Solway Investment Group GmbH besitzt über ihre Tochterfirma Compañia Guatemalteca de Níquel (CGN) die Nickelminen Fenix und Montúfar II. Die Konzernverantwortungsinitiative, die hoffentlich sehr bald in der Schweiz zur Abstimmung kommt, könnte Solway für die Aktivitäten seiner Tochterfirma zur Rechenschaft ziehen. Im Moment macht es sich Solway leicht, indem das Schweizer Unternehmen sagt, dass es wenig Einfluss auf seine Tochterunternehmen hat. Das hindert das Unternehmen aber nicht daran, grosse Gewinne dank dieser Minen einzufahren.

Der Journalist erzählt mir weitere Einzelheiten seiner Geschichte im strömenden Novemberregen auf dem Weg zu einer öffentlichen Konferenz, deren Ziel es ist, die Schweizer Bevölkerung zu sensibilisieren. Die internationale Solidarität ist oft die einzige Hoffnung, die ihnen bleibt. Aber die Teilnahme an der Konferenz ist bescheiden. Journalisten sind keine gekommen. Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit treffe ich ihn und zwei seiner Kolleginnen im Zug nach Bern wieder. Sie treffen sich mit Verantwortlichen der Schweizer Administration und hoffen auch auf Interviews mit Schweizer Journalisten. Immerhin handelt es sich um ein Schweizer Unternehmen! Allerdings konnten bis dahin keine interessierten Journalisten gefunden werden. Und ich frage mich: Warum spricht in der Schweiz niemand über Guatemala?

Weitere Informationen über unsere Aktivitäten für «Mehr Rechte für Bäuerinnen und Bauern».

Projektblatt: Auf dem Weg zur Selbstbestimmung der indigenen Bevölkerung

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