Trientgletscher in der New York Times

15.09.2020
YM

Yvan Maillard Ardenti arbeitet bei Brot für alle als Fachperson für Klimafragen

Yvan Maillard Ardenti (Brot für alle) und Bernd Nilles (Fastenopfer). Foto: François Graf

Hommage an unsere (schwindenden) Gletscher

Sonntagmorgen, 6. September 2020: Drei Menschen schwitzen auf einem Bergweg im Wallis unter der schweren Last ihrer Rucksäcke. Wir sind Aktivistinnen und Aktivisten von Brot für alle und der Klimaallianz und transportieren Lautsprecher, damit unsere Rednerinnen und Redner während der Zeremonie für die verschwundenen Gletscher gehört werden. Noch haben wir keine Ahnung, was sich im Lauf des Tages ereignen wird…

Am frühen Nachmittag schliessen sich uns über 200 Menschen an: Kinder und Erwachsene jeden Alters sind mit dem Postauto angereist, um der 500 Gletscher zu gedenken, die in der Schweiz bereits verschwunden sind. Überall sehen wir bunte Transparente und Schilder, manche stimmen Lieder an.

Drastische Auswirkungen

Am Fuss des Trientgletschers sind die Auswirkungen der Klimaerwärmung für uns alle sichtbar: Der Gletscher ist in den letzten 30 Jahren um einen Kilometer zurückgegangen. Und wenn nichts geschieht, um den Temperaturanstieg aufzuhalten, könnte er bis 2100 verschwunden sein.

Die Zeremonie beginnt, Stille breitet sich aus, um einem bekannten Redner Platz zu machen: Chemie-Nobelpreisträger Jacques Dubochet erläutert, wie sich die CO2-Emissionen alle 30 Jahre verdoppeln. Zum Schluss ruft er mit ansteckender Energie zu Taten auf: «Wir müssen schnellstmöglich auf fossile Energien verzichten und uns vom Krebs des ungebremsten Wachstums befreien.»

Nun sind die Vertreterinnen und Vertreter des Südens an der Reihe. Der Klimawandel trifft in erster Linie die, die schon jetzt am stärksten leiden. Insbesondere die arme Bevölkerung in den Ländern des Südens, wie César Murangira aus Ruanda erzählt: «Die Regenfälle werden unberechenbar und heftig, so dass sie Häuser, Strassen und Felder zerstören.» Viele Bäuerinnen und Bauern im Süden seien vom Klimawandel hart betroffen und hätten Schwierigkeiten, weiterhin ihre Nahrungsmittel zu produzieren, so Murangira weiter.

Verantwortung des Nordens

Später ergreife ich die Gelegenheit, um in meiner Rede über Klimagerechtigkeit zu sprechen. Denn Klimagerechtigkeit fordert, dass die Länder des Nordens nicht nur ihre Emissionen reduzieren, sondern die Menschen im Süden unterstützen, damit sie sich dem Klimawandel anpassen können. Die industrialisierten Länder des Nordens stossen seit Jahrzehnten viel CO2 aus, deshalb müssen wir dem Süden gegenüber Verantwortung übernehmen. Wir sind verantwortlich für die daraus entstandenen Schäden.

Zum Schluss der Zeremonie segnet Pater Genoud aus der benachbarten Pfarrei Martigny den Gletscher. Als wir uns müde aber glücklich mit unserem Material auf den Rückweg machen, wissen wir noch nicht, dass die Bilder und Videos der Zeremonie um die Welt gehen: In der Tagesschau von RTS und auf einem kolumbianischen Sender gibt es Beiträge über uns, Medien in Indien, Bahrein, Nigeria und sogar die New York Times schreiben über unsere Zeremonie. Wer hätte gedacht, dass diese Bilder aus einem abgelegenen Walliser Tal eine so weite Reise antreten?

Ich hoffe, dass unser Ruf nach mehr Klimagerechtigkeit in New York und anderswo gehört wird – aber vor allem in der Schweiz, im Parlament und in der Bevölkerung!

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