Socfin in Liberia

Kautschukplantagen in Liberia und die Verantwortung von Schweizer Unternehmen

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News

Die liberianische Socfin-Plantage SRC will keinen Konfliktlösungsprozess

03.06.2020

Im Mai 2019 hat die liberianische NGO Green Advocates im Namen von 22 Dorfgemeinschaften eine Beschwerde beim IFC eingereicht, in der sie auf gravierende Menschenrechtsverletzungen im Umfeld…

Konzernmacht in Sierra Leone

10.11.2020

Ein Blogbeitrag über einen Landrausch, der dazu führt, dass Investoren große Teile des Agrarlandes in Afrika unter ihre Kontrolle und damit die Gemeinden um …

OECD-Klage gegen die Finanzierung von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Palmöl

05.07.2019

Milieudefensie (Niederlande), Sustainable Development Institute (Liberia) und WALHI (Indonesien) reichen eine Beschwerde bei der niederländischen Kontaktstelle…

Hintergrund

Kautschuk-Konzern vertreibt Bauern in Liberia

Kautschuk ist ein lukratives Produkt: Es ist vielseitig einsetzbar und wird für zahlreiche Produkte wie beispielsweise Reifen, Schuhsolen, Outdoor-Bekleidung, Wärmeflaschen, Kondome oder Matratzen verwendet. Dementsprechend hat sich die weltweite Nachfrage in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Auch der luxemburgische Socfin-Konzern hat seine Plantagen im westafrikanischen Liberia in den letzten Jahren sukzessive erweitert, um über seine in Freiburg ansässige Tochterfirma Sogescol mehr Naturgummi auf den Weltmarkt zu bringen – mit verheerenden Folgen für die umliegenden Dörfer.

«Als das Unternehmen hierherkam, wurde uns gesagt, dass sich unser Leben verbessern würde. (…). Wir wussten damals nicht, dass [die Plantage] kein Segen sein wird, sondern die Hölle», fasst ein Bauer zusammen. Denn beim Ausbau der Kautschuk-Monokulturen verloren zahlreiche Menschen ihr fruchtbares Agrarland, auf das sie zum Überleben angewiesen sind. Heilige Wälder und Grabstätten wurden zerstört und der Zugang zu Wasser hat sich massiv verschlechtert. Viele Menschen in den Dörfern berichten zudem, dass ihr Wasser durch Pestizide verunreinigt worden ist.

Zwei Dörfer mussten vollständig weichen, weil Bagger die Felder zerstörten und die Menschen von Angestellten des Unternehmens eingeschüchtert wurden. Wo früher Dörfer standen, stehen jetzt Kautschukbäume. «Wenn der Bulldozer kommt, kannst du nicht im Dorf bleiben», erzählt einer der Dorfältesten. Der Bericht kommt zum Schluss, dass auch andernorts traditionelle Landrechte verletzt wurden, in einigen Fällen gar private Landrechte mit schriftlichen Landtitel.

In den Dörfern in und um die Plantagen herrscht ein Klima der Angst. Frauen berichten, sie seien immer wieder sexueller Gewalt durch Subunternehmer und teilweise auch durch Sicherheitsleute der Plantagen ausgesetzt. Besonders gut erinnern sich die Menschen an einen besonders schwerwiegenden Vorfall im Jahr 2013, als Sicherheitsleute der Plantagen und die Polizei das Dorf Daokai angrenzend an das Socfin-Konzessionsgebiet überfallen haben. Sie plünderten gemäss Berichten Häuser, stahlen elektronische Geräte und verprügelten einen Dorfbewohner.

Schweizer Tochterfirma spielt Schlüsselrolle

Die Struktur des Socfin-Konzerns, dem die Plantagen in Liberia gehören, ist komplex und verschachtelt. Klar ist jedoch, dass praktisch der gesamte Kautschuk Socfins aus Liberia über die in der Stadt Freiburg ansässige Tochterfirma Sogescol gehandelt wird. Zudem kümmert sich die ebenfalls in Freiburg sitzende Socfinco um Management und Nachhaltigkeitsberatung der Plantagen. Die Schweizer Firmen haben damit entscheidenden Einfluss auf die Plantagen-unternehmen. Sogescol übt als exklusiver Handelspartner des Kautschuks gar eine de facto-Kontrolle aus.

Gemäss den Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGP) sind Sogescol und Socfinco dafür verantwortlich, Menschenrechtsverletzungen  durch die Geschäftstätigkeit auf den Plantagen in Liberia zu verhindern. Der Bericht von Brot für alle zeigt klar auf, dass dies ausblieb. Freiwillige Standards und Massnahmen reichen also nicht aus, um die Rechte der Menschen vor Ort zu schützen.

Das fordert Brot für alle

Alle involvierten Unternehmen müssen faire, glaubwürdige und wirksame Konfliktlösungsmechanismen etablieren, um die Anliegen der lokalen Gemeinschaften einzubeziehen und gemeinsam mit ihnen Lösungen zu finden.

Die liberianische Regierung muss sicherstellen, dass keine Menschenrechte und Landrechte verletzt werden. Ist dies dennoch der Fall ist, muss sie Schritte zur Behebung dieser Rechtsverletzungen einleiten.

Die Schweizer Regierung muss ihre Verantwortung zum Schutz der Menschenrechte ernst nehmen und sicherstellen , dass auch bei Geschäftstätigkeiten von Schweizer Unternehmen im Ausland keine Menschenrechte verletzen.

Der Fall in Liberia zeigt einmal mehr auf, weshalb es die Konzernverantwortungsinitiative dringend braucht. Sie will Schweizer Unternehmen, deren Tochterfirmen sowie «faktisch kontrollierte» Unternehmen gesetzlich dazu verpflichten, bei Geschäften im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards einzuhalten und bereits im Vorfeld von Tätigkeiten eine entsprechende Sorgfaltsprüfung durchzuführen.

Das tut Brot für alle

Unterstützung der betroffenen Gemeinschaften

Brot für alle arbeitet eng mit ihren lokalen Partnerorganisationen Green Advocates, Alliance for Rural Democracy und Natural Resource Women’s Platform zusammen. Sie unterstützen die betroffenen Menschen dabei, sich zu organisieren, ihre Anliegen zu äussern und zu ihrem Recht zu kommen. Die kontinuierliche Arbeit mit den Menschen in entlegenen ländlichen Gebieten braucht viel Zeit, Geld und persönliches Engagement von unseren Partnerorganisationen.

Beschwerde bei der Weltbanktochter IFC

Am 27. Mai 2019 hat die liberianische NGO Green Advocates im Namen von 22 Dorfgemeinschaften eine Beschwerde bei der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) eingereicht. Die IFC ist bei der Weltbank für die Finanzierung privater Unternehmen zuständig und hatte der liberianischen Socfin-Tochter SRC 2008 einen Kredit von zehn Millionen US-Dollar zum Ausbau ihrer Kautschuk-Plantage gewährt. Green Advocates, Partnerorganisation von Brot für alle, weist in der Beschwerde auf gravierende Menschenrechtsverletzungen im Umfeld der SRC-Plantage hin und verlangt von der IFC, die Vorwürfe zu untersuchen und dafür zu sorgen, dass die Geschädigten zu ihrem Recht kommen.

Die Ombudsstelle des IFC (CAO) hat die Beschwerde im Juni 2019 angenommen und hat die SRC Plantage in Liberia besucht. Wenn beide Parteien einverstanden sind, leitet die Ombudsstelle einen Konfliktlösungsprozess ein. Während die betroffenen Leute einverstanden waren, hat die Plantagenfirma im Frühsommer 2020 den Prozess abgelehnt. Ihre Begründung war, dass die Ombudsstelle ihres eigenen Kreditgebers, der Weltbanktochter IFC, parteiisch sei und sie ihr nicht trauen würde. In der Beschwerde ging es nicht bloss um Verfehlungen von SRCsondern auch des IFC, der Geld gesprochen hat ohne seine eigenen Standards genügend zu überwachen. Dass diese Plantage jetzt also den Vorwurf erhebt, die Untersuchung ihres Kreditgebers sei auf der Seite der betroffenen Leute und gegen ihren Kunden, ist bemerkenswert.  
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Die Ombudsstelle des IFC hat Anfang Oktober ihre Entscheidung bekannt gegeben, eine volle «compliance investigation» durchzuführen. Das heisst, dass sie basierend auf dem «situation report», den ein Team der Ombudsstelle nach einem Besuch vor Ort geschrieben hat, die Situation und die Probleme als so gravierend einschätzen, dass sie sie jetzt intensiv untersuchen. Das ist ein Erfolg für die betroffenen Leute.

Internationale Vernetzung

«Socfin – we are watching you». Mit solchen Transparenten haben Demonstrierende die Aktionär/innen an der Socfin- Generalversammlung 2019 in Luxembourg empfangen. Gleichzeitig entrollten Demonstrierende gleiche Transparente vor dem Sitz der Socfin-Tochter Sogescol in Freiburg. Solche Aktivitäten, die Brot für alle gemeinsam mit anderen Organisationen durchführt, schaffen öffentlichen Druck auf die Konzernleitung und die Aktionäre. Auch an der Generalversammlung 2020 gab es Proteste – allerdings coronabedingt nur online. Lesen Sie hier den gemeinsamen Meinungsbeitrag oder den Blog dazu mit Videos von vor Ort. Während Socfin an der Generalversammlung Millionen verteilt, werden Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen.  

In Liberia, Sierra Leone, Nigeria, Kambodscha und Kamerun sind Brot für alle und die verbündeten Organisationen in engem Kontakt mit der betroffenen Bevölkerung. Der regelmässige Informationsaustausch hilft aufzuzeigen, dass es sich bei den Problemen nicht um Einzelfälle handelt, was den Forderungen zusätzlich Nachdruck verleiht und ermöglicht, gemeinsam zu reagieren, wenn neue Probleme für die Menschen vor Ort entstehen. So hat Brot für alle beispielsweise im Mai 2020 einen offenen Brief an Socfin unterstützt, in dem betroffene Arbeiterinnen und Dorfbewohner Gerechtigkeit und Sicherheit fordern in den unsicheren Zeiten von Covid-19.

 

Klage gegen die Bolloré Groupe

Am 27.Mai 2109 hat eine Koalition von zehn internationalen NGOs – darunter Brot für alle – unter Führung der Organisation Sherpa eine Klage gegen die französische Bolloré-Gruppe  eingereicht, der fast 40 Prozent der Aktien von Socfin gehören. Die Klage basiert auf einer OECD-Beschwerde betreffend Landraub undanderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen auf einer Palmölplantage der Socfin-Tochter Socapalm in Kamerun.

Nach der Beschwerde an den französischen OECD-Kontaktpunkt im Jahr 2010 hatte die Bolloré-Gruppe eingewilligt, einen mit den betroffenen Gemeinschaften 2013 vereinbarten Aktionsplan umzusetzen, dies aber nie getan. Mit der Klage vor einem französischen Gericht wollen die NGOs den Konzern nun zwingen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Dieser Fall zeigt einmal mehr auf, dass unverbindliche Verfahren wie die OECD-Beschwerden wenig nützen, um die Einhaltung von Menschenrechten durch multinationale Unternehmen gesetzlich einzufordern.

Zahlen & Fakten

 

  • 1

    Beginn mit der Kolonialisierung Afrikas

    Wie viele andere Rohstoffe begann der grossflächige Anbau von Naturkautschuk im Zuge der Kolonialisierung Afrikas. 1890 baute der Gründer der Socfin-Gruppe, Adrien Hallet, die ersten Kautschuk- und Palmölplantagen in der DR Kongo auf.
  • 2

    In der Schweiz wegen Steueroptimierung

    Die 15 Produktionsstätten und 33 Plantagen sowie viele damit einhergehenden Handelsbeziehungen der Socfin-Gruppe werden von Tochtergesellschaften mit Sitz in Fribourg operativ verwaltet. Grund für die Verlagerung dieser Einheiten von Belgien in die Schweiz war offenbar Steueroptimierung: In der Schweiz bezahlt das Unternehmen lediglich 10 Prozent Gewinnsteuer, in Belgien waren es 34 Prozent.
  • 3

    Kredite der Weltbankgruppe

    Beide Socfin-Plantagen in Liberia haben für ihre Tätigkeiten Kredite der Weltbankgruppe im Umfang von 13.5 Millionen US-Dollar erhalten.
  • 4

    Konzessionsvergabe ohne Rücksicht

    Mindestens 25 Dörfer haben seit der Konzessionsvergabe 1959 ihr Land, heilige Wälder, Grabstätten und den Zugang zu Land verloren. Die Ernährungssicherheit sowie der Zugang zu Wasser hat sich für viele stark verschlechtert.
  • 5

    Pachtzins auf dem Niveau von 1959

    Die Pachtverträge von 1959 dauern 70 Jahren. Der Pachtzins wurde seit dem Abschluss der Verträge nie angepasst. Damit bezahlt das Unternehmen jährlich 350‘000 US-Dollar weniger, als es mit einem aktuelleren Vertrag bezahlen würde – zu Lasten der öffentlichen Mittel eines der ärmsten Länder der Welt.
  • 6

    Neun Millionen Autoreifen

    70 % des Naturkautschuks wird zur Herstellung von Reifen für Autos, Lastwagen, Flugzeuge und Fahrräder eingesetzt. In der Schweiz werden jährlich neun Millionen Reifen gekauft, 7 Millionen für den Privatverkehr.

Für eine faire Diskussion

Der Zürcher Ständerat Ruedi Noser hatte Brot für alle im Zusammenhang mit unseren Recherchen zur Tätigkeit von Socfin in Liberia und der Konzernverantwortungsinitiative wiederholt in der Öffentlichkeit mangelnde Sorgfalt vorgeworfen. Weil ein geplantes Aussprachetreffen mit ihm auf den Herbst verschoben werden musste, wendet sich Brot für alle Mitte Juli in einem offenen Brief an den Politiker. Darin weisen wir darauf hin, dass Nosers Aussagen teils unkorrekt sind, teils an den wirklichen Problemen im Süden vorbeizielen. Brot für alle legt Wert auf eine sachbezogene und faire Diskussionen im Vorfeld der Abstimmung vom 29. November.

Stellungnahme von Brot für alle betreffend den Artikel «Goliath gegen Goliath», erschienen am 9.6.2020 in den Publikationen der CH-Media

Lesen Sie hier unsere Korrespondenz mit Ruedi Noser

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SL
Silva Lieberherr

Land Grabbing

031 380 65 85

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Studie «Kampf um Land und Leben: Kautschukplantagen in Liberia und die Verantwortung
von Schweizer Unternehmen»