Addax Bioenergy

Ein Land-Deal mit gravierenden Folgen

Sierra Leone: Enttäuschte Hoffnung

23.11.2020

Joseph Saffa (Silnorf, Sierra Leone) über ein landwirtschaftliches Projekt, das Bioethanol für die EU produziert und gleichzeitig die Bevölkerung hungernd zurücklässt.

Vom Vorzeigeprojekt zum Desaster

10.05.2019

Welche Gefahren öffentlich-private Partnerschaften bergen, zeigt der Fall des Schweizer Konzerns Addax Bioenergy in Sierra Leone exemplarisch.

Keine Besserung in Sierra Leone

21.12.2017

Nach der Übernahme des gescheiterten Addax-Projekts durch Sunbird Bioenergy Africa Ltd ist die Situation für die Betroffenen immer noch schwierig.

An einer Dorfversammlung klärt Silnorf die betroffene Bevölkerung über die Situation auf © Brot für alle

Hintergrund

«Nachhaltige» Investition gescheitert

2011 begann der Genfer Konzern Addax Bioenergy mit Unterstützung von öffentlichen Geldern in Sierra Leone Zuckerrohr anzupflanzen. Zahleiche Dörfer verloren dadurch grosse Teile ihres Landes. Mitte 2015 hat Addax den Betrieb eingestellt und Ende September 2016 das Projekt an britisch-chinesische Investoren verkauft. Seither heisst die Firma Sunbird Bioenergy. 2019 wurde sie erneut verkauft und gehört jetzt der Sri-Lankischen Firma Browns Group. Aber ein Viertel gehört immer noch dem Genfer Milliardär, der Addax Bioenergy gegründet hat. Und die negativen Auswirkungen für die Leute vor Ort bleiben – und deshalb auch die Verantwortung der Firma und der Entwicklungsbanken.

Als Addax Bioenergy begann, in der Region Makeni auf 54‘000 Ha Land Zuckerrohr anzubauen, um Bioethanol für den europäischen Markt herzustellen, pries Addax das Projekt als Vorzeigeprojekt für ein nachhaltiges Investitionsmodell an. Aus den Abfällen sollte gleichzeitig Elektrizität für das nationale Netz entstehen.  Öffentliche Gelder von acht Entwicklungsbanken finanzierten rund die Hälfte der Investitionen von zuletzt 455 Mio. Euro. Ein Teil davon stammte aus dem Schweizer Entwicklungshilfebudget. Ohne die Gelder der Entwicklungsbanken wäre das Projekt wohl nie zustande gekommen.

Die Pachtverträge für 50 Jahre handelte Addax mit den regionalen Oberhäuptern aus, die die Landnutzung verwalten. Land, das bis dahin von lokalen Kleinbauernfamilien für den Anbau von Gemüse, Reis und Maniok genutzt worden war. Die Pachtverträge führten in vielen Dörfern zu Unmut. Brot für alle betrachtete das Projekt als Land Grabbing und unterstützte ihre Partnerorganisation Silnorf seit Beginn vor Ort darin, den Fall kritisch zu beobachten und die Bevölkerung in den Verhandlungen mit Addax zu begleiten.

Eine Zukunft ohne Perspektiven

Im Juni 2015 verkündete Addax, dass das Projekt zu 75 Prozent an den britisch-chinesischen Konzern Sunbird Bioenergy verkauft werde. Vor dem Verkauf hatte Addax alle Kredite an die Entwicklungsbanken zurückgezahlt. Die sozialen und ökologischen Verpflichtungen, die Addax eingegangen war, hatten damit ihre Gültigkeit verloren. Aber die Plantagen und die Pachtverträge bleiben bestehen, wie sich auch bei Besuchen von Brot für alle immer wieder zeigt: Wo früher Lebensmittel angebaut worden waren, stehen nun Zuckerrohrplantagen.

Im Mai 2019 wurde bekannt, dass Sunbird auf der Suche nach neuen Mitteln die Browns Group aus Sri Lanka als Investoren mit an Bord geholt hat. Jetzt ist die Browns Group die Hauptbesitzerin – aber ein Viertel gehört immer noch dem Schweizer Milliardär, der Addax Bioenergy einst gegründet hat.

Neue alte Probleme

Ein neuer Bericht zeigt, dass die Probleme der Leute vor Ort gleichbleiben oder sich gar verschlimmern. Die Firma kommuniziert fast gar nicht mehr mit den betroffenen Leuten. Das Plantagenmanagement beschuldigt die Leute, die Buschfeuer zu verursachen – und will sie dafür ohne Beweise bestrafen. Dies obwohl diese Feuer auch die Häuser, Felder und das Hab und Gut der Leute zerstört. Auch die Ernährungssicherheit der Leute vor Ort ist nach wie vor sehr prekär, weil den Leuten das Land fehlt und sie selbst vom ungenutzten Land vertrieben werden und weil die landwirtschaftlichen Unterstützungsmassnahmen nicht mehr funktionieren.

Sunbird Bioenergy wurde hart getroffen, als die Regierung von Sierra Leone 2019 die neuen Coronavirus-Beschränkungen einführte. Viele Festangestellte, die mehr als acht Jahre für das Unternehmen gearbeitet hatten, wurden entlassen, ohne die entsprechenden Leistungen, die ihnen gesetzlich zustehen. Saisonarbeitskräfte wurden sofort entlassen. Die Folgen waren für die Leute vor Ort gravierend, und das in einer Zeit, in der das Land mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Zu Umsiedelungen wird es nicht kommen – so hiess es von Seiten der Firma in der Anfangsphase. Im März 2019 jedoch hieß es dann plötzlich, dass das Dorf Tonka innerhalb von wenigen Tagen umgesiedelt werden müsse, berichten die Dorfbewohner. Tonka liegt in unmittelbarer Nähe zur Fabrikanlage und die Aufregung war gross. Zu diesem Zeitpunkt lebten die 300 Menschen bereits vom Wasser aus den Tanks, welche die Firma ihnen zur Verfügung stellt. Denn die Firma sagt selbst, dass das Trinkwasser im Dorf stark belastet ist. Die Tanks sind jedoch zu klein und reichen nicht aus für das ganze Dorf. Dank der Vermittlung von SilNoRF mit der Firma und den örtlichen Behörden konnte die Umsiedlung erst einmal verhindert und die Situation entspannt werden. Mittlerweile dementiert die Firma Umsiedlingspläne – aber es bleibt unklar, wie es mit Tonka weitergeht. Wir setzen uns weiter dafür ein, dass die Leute mitbestimmen können, ob, wohin und wie sie umgesiedelt werden.

Zahlen und Fakten

Eine Spirale der Abhängigkeit

  • 1

    52 Dörfer und mehr als 13 000 Kleinbauern sind rund um die Stadt Makeni in der Northern Province in Sierra Leone vom Zuckerrohrabbau durch Sunbrid betroffen.
  • 2

    Vom Pachtzins, den Addax Bioenergy bezahlt, gehen etwas weniger als 50 Prozent an die Chiefs der Regionen, Distriktbeamten und die Zentralregierung. Die Landbesitzer erhalten etwas mehr als 50 Prozent.
  • 3

    Pro Jahr erhalten Landbesitzer rund 14 US-Dollar pro Ha – selbst für Sierra Leonische Verhältnisse ein sehr niedriger Pachtzins. Die Landnutzerinnen, traditionellerweise die Mehrheit der Menschen, bekommen gar nichts.
  • 4

    Weil die Menschen nur noch einen Teil ihrer Nahrungsmittel selber anbauen können, müssen sie teuren, importierten Reis kaufen – für rund 20 Cents pro Tasse.
  • 5

    Der Rückbau der planierten Monokultur-Flächen hin zu Feldern, die von der lokalen Bevölkerung erneut bebaut werden könnten, würde viele Jahre und enorme Ressourcen benötigen.

Das fordert Brot für alle

Bäuerliche Landwirtschaft anstatt Agrarindustrie

Es braucht einen Richtungswechsel in der Landwirtschaft:
Das Beispiel der Zuckerrohrprojekte in Sierra Leone zeigt deutlich, dass nachhaltige Entwicklung nicht durch Konzerne geschehen kann, sondern durch die Menschen passieren muss, die von dem Land leben. Deshalb fordert Brot für alle eine Abkehr von der heute dominierenden Landwirtschaft, die von industriellen und von profitorientierten Interessen bestimmt ist. Wir setzen uns ein für eine selbst bestimmte, regionale und ökologische Landwirtschaft der Bäuerinnen und Bauern.

Kein Geld für Land Grabbing: 
Auch wenn Addax die öffentlichen Gelder zurückbezahlt hat: Staatliche Entwicklungsakteure – in der Schweiz die Deza und das Seco – sowie die von ihnen mitfinanzierten Entwicklungsbanken müssen aufhören, mit Krediten Projekte zu unterstützen, bei denen Land Grabbing die Folge sein kann. Sie haben bei ihren Unterstützungen dafür zu sorgen, dass die Rechte der Menschen und die internationalen Regeln zur Landpacht respektiert werden.

Verantwortung übernehmen: 
Auch wenn Addax die öffentlichen Kredite zurückbezahlt hat, müssen die Entwicklungsbanken und deren Geldgeber wie Seco und Deza ihren Teil der Verantwortung übernehmen. Wenn ein Projekt scheitert, stehen sie in der Pflicht dafür zu sorgen, dass die Menschen vor Ort nicht die Leidtragenden sind.

Das tut Brot für alle

Beobachten und Änderungen einfordern

Die Brot für alle-Partnerorganisation Silnorf beobachtet Entwicklungen vor Ort und fordert die Rechte der betroffenen Menschen ein. Brot für alle veröffentlicht die Befunde in der Schweiz und macht Druck auf den Konzern und dessen Geldgeber.

Im Süden

Brot für alle arbeitet in Sierra Leone eng mit ihrem Partner Silnorf (Sierra Leone Network on the Right to Food) zusammen. Seit 2010 beobachtet Silnorf die Situation vor Ort, berät die Betroffenen bezüglich ihrer Rechte, vermittelt zwischen Addax, der Regierung und der Bevölkerung und handelt Verbesserungen für die lokale Bevölkerung aus. Im November haben Silnorf und Brot für alle den neusten Bericht rausgegeben.

Im Norden

Brot für alle hat das Projekt des Genfer Konzerns bereits 2010 an die Öffentlichkeit gebracht und damit das Phänomen Land Grabbing einer breiten Bevölkerung bekannt gemacht. Mit verschiedenen Untersuchungen, die Brot für alle mit Silnorf durchgeführt hat, wurden die Probleme und Herausforderungen dokumentiert und an die Öffentlichkeit gebracht. Zudem haben verschiedene Gespräche zwischen Brot für alle und dem Genfer Konzern stattgefunden, mit dem Ziel, die Situation der Menschen vor Ort zu verbessern. Gespräche geführt hat Brot für alle auch mit dem Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), über welche Gelder in das Projekt geflossen sind. Dabei wurde auf die problematischen Konsequenzen grosser Investitionsprojekte aufmerksam gemacht und darauf, dass solche nicht mit öffentlichen Geldern finanziert werden sollten.

Das haben wir bisher erreicht

Unterstützung der betroffenen Bevölkerung

Das beharrliche Engagement und die Vermittlungsanstrengungen von Silnorf haben Wirkung gezeigt. Die oben genannte Verhinderung einer Umsiedelung war ein wichtiger Erfolg. Gewalttätige Auseinandersetzungen wie sie in anderen Teilen des Landes passierten, blieben aus. In Gesprächen mit der Firma konnten Probleme aufgezeigt und teilweise Lösungen gefunden werden: So war die Firma etwa nach Gesprächen mit Silnorf bereit, Felder zu verlegen, damit die betroffenen Dörfer ihren Zugang zu nahegelegenen fruchtbaren Feldern oder Buschland mit wertvollen Pflanzen für Ernährung und Medizinzwecke nicht verlieren. Ausserdem konnten gewisse Verbesserungen bei den Landpachtverträgen erreicht werden. 
In der Schweiz haben die beharrliche Berichterstattung sowie die Interventionen bei der Verwaltung das Problembewusstsein für grosse Investitionen in Land geschärft.

Kontakt

Silva Lieberherr

Land Grabbing

031 380 65 85

Mail

Dokumente

Monitoring Reports von Brot für alle und SiLNoRF

Weitere Studien und Dokumente

The Weakest Should not Bear the Risk (Studie von Brot für alle und Brot für die Welt), 09/2016