Entwicklungsziele 2030

«Ohne Transition erreichen wir gar nichts»

13.12.2016

17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung hat sich die Weltgemeinschaft mit der Agenda 2030 gesetzt. Es geht um Bildung und Erziehung, Gleichstellung von Frau und Mann, Landwirtschaft, Gesundheit und Klimaveränderung – also Entwicklungspolitik.

Michel Egger, Verantwortlicher Transition, Brot für alle

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Uno (Sustainable Development Goals, SDG) dienen in den nächsten Jahren als Bezugsrahmen für die internationale Zusammenarbeit und die Entwicklungspolitik. Sie sind «integriert und unteilbar» und decken mehrere Bereiche ab. Ziel ist, die Menschen aus extremer Armut zu befreien, dabei aber den Planeten zu schützen und zu erhalten. Da die SDG universell sind, betreffen sie auch die reichen Länder des Nordens. Sie sind aufgefordert, mit gutem Beispiel vorauszugehen, denn die Lebensweise der Menschen mit materiellem Wohlstand hat einen erheblichen Einfluss auf die Armut im Süden und die globale Erwärmung.

Die Agenda 2030 erfordert also nichts weniger als eine auf lange Frist angelegte Transformation unserer Welt. Doch um die 17 Ziele zu erreichen, empfiehlt die Agenda 2030 auch widersprüchliche Mittel: Die Ausrichtung auf Wachstum, Technologie, direkte Investitionen im Ausland, Integration in globale Wertschöpfungsketten … Die Gefahr besteht, dass sie gleich endet wie die nachhaltige Entwicklung, im Sumpf der Wirtschaft nämlich. Deren Logik von Rentabilität und Konkurrenzdruck führt zur Ausbeutung von Menschen und Natur. Allzu oft versinken soziale und ökologische Aspekte in diesem Sumpf, da die Instrumente zur politischen Steuerung zu wenig wirksam sind.

Darum fordert die Umsetzung der Agenda 2030 die Organisationen der Zivilgesellschaft gleich doppelt: Sie müssen ein kritisches Auge darauf haben, was die Regierungen tun. Sie müssen sich aber auch die Agenda 2030 proaktiv zu Nutze machen. Nur so lässt sich ihr Potenzial zu einer nachhaltigen Entwicklung optimal ausschöpfen.

Die Herausforderung der SDG ist die Transition, der Wandel hin zu einem anderen, sozioökonomischen System, das die Grenzen der Biosphäre und die globale Gerechtigkeit achtet. Um diese andere Welt zu schaffen, werden das Geld, die Technologie und die freiwilligen Massnahmen derUnternehmen nicht genügen. Ein Paradigmenwechsel ist nötig, eine echte «Transition». Ohne Transition erreichen wir gar nichts. Der Begriff muss im Sinn seines lateinischen Ursprungs verstanden werden: «trans-ire» bedeutet «darüber hinausgehen». In diesem Fall über das Wertesystem und die Vision einer Welt hinaus, die vorwiegend auf einem auf Produktion und Konsum ausgerichteten Modell basiert, mit dem Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandprodukt BIP als Indikator.

Der Agenda 2030 echten Inhalt geben

Steht in der Agenda 2030 «Sorge tragen» zur Natur, damit auch die Bedürfnisse der heutigen und der künftigen Generationen gedeckt werden können, darf die Natur nicht länger bloss als ein Ressourcenlager betrachtet werden. Das muss vielmehr bedeuten, sie als unsere «Mutter Erde», als unsere «gemeinsame Heimat» zu respektieren, von der wir abhängen und zu der wir gehören. Heisst es «Sicherstellen, dass alle Menschen ihr Potenzial in Würde und Gleichheit voll entfalten können», müssen ihre Grundrechte respektiert werden, insbesondere auch von den multinationalen Unternehmen. Und wird eine «radikale Änderung bei der Produktion und dem Konsum von Waren und Dienstleistungen» als Ziel gesetzt, gilt es die geltenden Wünsche von Konsum und materiellen Gütern und die Idealvorstellungen menschlicher Erfüllung zu hinterfragen. Eine grundlegende Transition unserer Gesellschaft bedeutet, sich ganz grundsätzlich mit dem Sinn der menschlichen Existenz und des Zusammenlebens zu befassen.

Dieser Wandel findet bereits statt

Ein solcher Paradigmenwechsel ist kein Wunschdenken. Er ist bereits im Gang – in Form von zahlreichen Bewegungen wie «buen vivir» (gutes Leben oder gut leben) oder die«glückliche Genügsamkeit», die im Norden wie im Süden in vielen Bereichen am Erblühen sind. In die gleiche nachhaltige Entwicklungsrichtung führen Initiativen wie Agrarökologie, Wiederaneignung von Saatgut, erneuerbare Energien, lokale ergänzende Währungen, neue Bildungsformen usw. Bei all ihrer Vielfalt folgen diese Transitions Initiativen gleichen Grundsätzen: lokale Verankerung und diesen Gegebenheiten angepasste Lösungen, partizipativer Ansatz von unten (Bottom-up), eigenes Handeln statt auf Wunderlösungen von oben zu warten, Stärkung der gemeinschaftlichen Solidarität und Zusammenarbeit – und nicht zuletzt der Wille, «für» und nicht nur «gegen» etwas zu kämpfen. Widerstand leisten heisst gestalten, darin sind sich die Akteure auf dieser Suche nach Sinn, Widerstandskraft und Veränderung einig.

Diese Initiativen sind inspirierend und zeigen mögliche Wege auf, wie die Agenda 2030 umgesetzt werden kann. Sie stärken positive Vorstellungen, die den Wunsch in uns wecken können, uns für ein Leben in wiederhergestellter Harmonie mit den anderen und der Erde einzusetzen. Solche Hoffnung weckende Beispiele helfen auch, Spenderinnen und Spender sowie die Politik zu überzeugen, die Entwicklungshilfe weiterhin zu unterstützen.

Transition und Entwicklungszusammenarbeit

Die Transitions-Bewegung ist sowohl eine Chance für die Entwicklungsorganisationen wie auch eine Herausforderung. Dabei ist das Ziel nicht vom Weg zu trennen. Wer nicht selber im Wandel ist – gemeinsam und einzeln –, kann kein glaubwürdiger Akteur sein. Inhaltlich erfordert die Transition neu ausgearbeitete Praktiken der Zusammenarbeit. Besonders die Wechselseitigkeit muss gefördert werden. So erkennen wir, wie die Partner im Süden unsere Sensibilisierungs- und politische Lobbyarbeit hier im Norden bereichern. Der Austausch zeigt aber auch, was sie – in einer gemeinsamen Vision der Welt und der Ansätze – zu einer Änderung der Schweizer Gesellschaft, der Rahmenbedingungen und der transnationalen Geschäftsmodelle beitragen können. Und sie können die negativen Auswirkungen verdeutlichen, unter denen sie zu leiden haben. Es bedeutet auch, die Planungs- und Beurteilungskriterien neu zu überdenken. Dabei müssen Lern- und Austauschprozesse den Vorrang erhalten vor Effizienz und Leistung. In welche Richtung das gehen kann, zeigt das von Brot für alle unterstützte Atelier für Transition in der Westschweiz. Es soll am Schnittpunkt von kirchlichen Gemeinschaften und Zivilgesellschaft die innere – spirituelle – Transition erforschen und fördern.

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