Nach Covid19: Eine andere Welt denken

09.06.2020
chantal_blog

Chantal Peyer arbeitet bei Brot für alle als Teamleiterin Ethisch Wirtschaften.

 

Fantasie wagen

In diesen Tagen wird viel über den wirtschaftlichen Neustart und das Ende des Lockdowns geschrieben. Die Befürworter einer raschen Rückkehr richten das Augenmerk auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und erwarten gespannt dessen Erschütterungen. Jene, die von einer grünen Wirtschaft träumen, wollen kein Zurück zur «Welt von vorher» und fordern, dass die Staatshilfen an klare ökologische Kriterien geknüpft werden. Haben wir uns aber zwischen dem Vorher und dem Nachher genügend Zeit genommen zu beobachten, was während dieser Krise geschehen ist und die Fragen zu hören, die sie aufgeworfen hat?

Die Krise hat nicht nur die Fragilität unserer Wirtschaft und Produktionsmethoden blossgestellt, sie hat auch unsere sozialen Anliegen, Werte und wichtige Impulse der Solidarität ans Licht gebracht, auf die wir aufbauen können.

Drei Beispiele:

  • Auf lokaler Ebene haben sich ab der zweiten Woche des Lockdowns die Webseiten und Initiativen zur Unterstützung von Handwerkern, Bauern und dem lokalen Gewerbe vervielfacht. Kommunikationsagenturen und Bürgerinitiativen arbeiteten – meist gratis – um alle wissen zu lassen, wo es frische Spargeln, Take-away Essen oder auch künstlerische Drucke zu kaufen gibt. Dank dieser Netzwerke entdeckten wir die Freischaffenden in unserer Nachbarschaft, die wir zuvor vor lauter Rennen oft nicht wahrgenommen hatten. Neue Verbindungen wurden geknüpft, neue Konsumgewohnheiten sind entstanden. Und Einkaufen ist (wieder) zu einem Vergnügen geworden, eine Quelle des Austauschs und sozialer Beziehungen.
  • Eine Studie, die im Mai 2020 vom Institut Edelmann durchgeführt wurde, hat in Bezug auf den weltweiten Konsum gezeigt, dass über 70 Prozent der Befragten der Meinung waren, die grossen Marken hätten während der Krise den Profit über das Wohl der Menschen gestellt. Deshalb wollten sie deren Produkte nicht mehr kaufen. Demgegenüber hat die Nachfrage nach ethischen und nachhaltigen Produkten während der Krise zugenommen. Diese Studie wird durch eine Meinungsumfrage betreffend Konzernverantwortungsinitiative gestützt, die Mitte Mai in der Schweiz durchgeführt wurde: Demnach wünschen sich trotz der Krise drei von vier Schweizerinnen und Schweizern für die multinationalen Unternehmen verbindliche Regeln bezüglich Menschenrechte und Umwelt.
  • Auf Ebene der Werte schliesslich, zeigt die Studie Edelmann: Covid-19 hat bei mehr als zwei Dritteln der Befragten dazu geführt, dass sie in ihren Ländern die sozialen Ungleichheiten wahrgenommen haben und finden, es müsse etwas unternommen werden, um den Reichtum gerechter zu verteilen. Entgegen der landläufigen Meinung und dessen, was gewisse Medien transportiert haben, verdeutlicht die Krise nicht den Egoismus und das «Jeder für sich». Vielmehr hat sie gezeigt, dass es Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den Bürgerinnen und Bürgern braucht.

Die richtigen Schlüsse aus der Krise

Wie wäre es also, wenn wir für den Neustart auf Fragen und Impulsen aufbauen würden, die während des Lockdowns entstanden sind. So könnten wir uns fragen, wie eine Welt aussehen würde,

  • in der die Arbeitsplätzte des Pflegepersonals, der Verkäuferinnen, der Müllablfuhr und der Arbeiterinnen in den Produktionsketten in Asien aufgewertet würden – all jener, auf die wir während der Covid-19-Krise so angewiesen waren.
  • in der die Respektierung der Menschenrechte durch die Unternehmen die Norm wäre.
  • in der Teilzeitarbeit als Standard anerkannt wäre. Damit könnten jene mehr freie Zeit beziehen, die das wünschen.
  • in der wir die Indikatoren für Reichtum neu definiert und das Wachstum auf seinen Platz verwiesen haben.

Rob Hopkins, Mitbegründer der Transitionsbewegung, unterstreicht in seinem jüngsten Buch, dass der Übergang zu einer nachhaltigeren Gesellschaft weder auf unseren politischen Gewissheiten noch auf unserer Wissenschaft beruht. Vielmehr brauche es unsere Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und Fantasie zu wagen. Was wäre also, wenn wir diese Krise dazu nutzten, uns unserer kollektiven Vorstellungskraft zu öffnen?

«Denn die Unfähigkeit, sich eine Welt vorzustellen, in der die Dinge anders sind, ist einzig der Beweis für eine schwache Vorstellungskraft sind. Nicht aber dafür, dass Veränderungen unmöglich sind. » (Rutger Bregman)

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