Mit vereinten Kräften in die Zukunft

01.05.2020
Peter Merz (r.), Direktor HEKS, und Bernard DuPasquier (l.), Geschäftsleiter Brot für alle

Peter Merz, Direktor HEKS, und Bernard DuPasquier, Geschäftsleiter Brot für alle, sprechen über die bevorstehende Fusion der beiden Werke und erläutern, wohin die Reise gehen soll.

Wenn Sie an die jeweilige Organisation denken, die sie führen: Was zeichnet diese besonders aus? 

Bernard DuPasquier: Brot für alle ist eine entwicklungspolitische Organisation. Wir führen Kampagnen, um Anliegen wie das Recht auf Nahrung, mehr Konzernverantwortung, faire Arbeitsbedingungen und Klimagerechtigkeit durchzusetzen. In den vergangenen Jahren haben wir eine Organisationsform entwickelt, die zu unserem Auftrag passt, agil zu sein und rasch auf Entwicklungen reagieren zu können.

Peter Merz: Die Spezialität von HEKS ist die Programmarbeit im Inland mit unseren sechs Regionalstellen und in rund 30 Ländern im Ausland. Wir sind nahe bei den Menschen und versuchen gemeinsam mit ihnen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Über unsere menschenrechtsbasierte Programmarbeit wirken wir zudem auf systemische Veränderungen hin. Stolz bin ich auch darauf, dass wir so viele Menschen mobilisieren können, die unsere Arbeit unterstützen.  

Welches sollen die Stärken und Schwerpunkte des gemeinsamen Werkes werden? 

Peter Merz:
 Der Haupttreiber für den Zusammenschluss ist, dass wir uns mit unseren jeweiligen Schwerpunkten sehr gut ergänzen können – auf der einen Seite Brot für alle mit der entwicklungspolitischen Mobilisierung und Sensibilisierung mittels Kampagnen und auf der anderen Seite HEKS mit seiner konkreten Programmarbeit. 

Bernard 
DuPasquier:
 Strategischen Fokusthemen wie etwa Klima und der Kampf um Land werden ja bereits heute von beiden Organisationen bearbeitet. Der Zusammenschluss schafft ein enormes Mobilisierungspotenzial, indem wir unsere jeweiligen Kompetenzen und Netzwerke zusammenbringen und so gemeinsam mehr Wirkung entfalten können.  
Peter Merz: Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Organisation wird das Thema Migration sein. Da lässt sich ebenfalls unsere Programmarbeit im Ausland mit unserer Inlandarbeit verknüpfen, die darauf ausgerichtet ist, die Menschen, die zu uns kommen, zu integrieren und ihnen zum Beispiel den Zugang zu Rechtsberatung, zu unserem Arbeitsmarkt, zu Sprache und Bildung zu ermöglichen.  

Welche Auswirkungen wird die Fusion für die künftige Inlandarbeit haben? 

Peter Merz:
 Die bisherige Projektarbeit im Inland ist von der Fusion nicht direkt betroffen. Mit der grösseren Mobilisierungskraft und den zusätzlichen Kompetenzen hinsichtlich politischer Hintergrundarbeit und Campaigning eröffnet sich hingegen eine Chance, unsere Inlandarbeit noch bekannter zu machen. Im Rahmen des Fusionsprozesses ist es deshalb wichtig, dass wir das Inland immer auch mitdenken, denn tatsächlich wird HEKS immer noch sowohl intern wie auch in der Aussenwahrnehmung sehr stark mit der Projektarbeit im Ausland identifiziert. 

Die Fusion von Brot für alle und HEKS war in der Vergangenheit schon öfters ein Thema. Wieso ist die Zeit genau jetzt reif dafür? 

Bernard 
DuPasquier:
 Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Idee des Zusammenschlusses ist in der Tat nicht neu und auch zwischen den einzelnen Fusionsdiskussionen in der Vergangenheit blieben die Organisationen immer im Gespräch und im fachlichen Austausch miteinander. Um auf internationaler Ebene relevant zu sein bzw. zu bleiben, ist es notwendig, die Kräfte zu bündeln. Zudem macht die über 50 Jahre aufrecht erhaltene Aufteilung in eine Organisation, die Programmarbeit leistet, und eine, die entwicklungspolitische Sensibilisierung betreibt, im Zeitalter der Agenda 2030 einfach keinen Sinn mehr. 

Peter Merz:
 Dazu kommt, dass sich HEKS im Bereich der Sensibilisierungsarbeit entwickelt und Brot für alle für sich einen Bezug zur Projektarbeit in den Ländern des Südens geschaffen hat. Eine Rolle spielt auch der wachsende Kostendruck in der NGO-Welt, der den Bestrebungen zu einer Fusion zusätzlichen Schub verliehen hat. Dementsprechend kam denn auch der Auftrag der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz als gemeinsame Stifterin, den Zusammenschluss erneut zu prüfen. 

Was versprechen sich die beiden Organisationen in finanzieller Hinsicht von der Fusion? 

Peter Merz:
 Die Fusion wird zweifellos zu einer Effizienzsteigerung und damit auch zu Kosteneinsparungen in einigen Bereichen führen. Wir wollen weiterhin relevante Arbeit leisten können mit weniger organisationalem Aufwand. Gleichwohl ist die Fusion kein Sparangebot für unsere Spenderinnen und Spender und darf nicht dazu führen, dass jene, die bisher sowohl HEKS wie auch Brot für alle unterstützt haben, ihre Unterstützung nun halbieren. Wir hoffen vielmehr, dass sie die neue Organisation mindestens im gleichen Umfang und bestenfalls sogar noch stärker als bisher unterstützen. 

Bernard 
DuPasquier: 
Unser Ziel muss es sein, uns so zu positionieren, dass wir mindestens gleich viele Mittel für die neue Organisation wie bisher für beide Organisationen zusammen generieren können. Ich sehe einen Gewinn aus der Fusion insbesondere auch für die kirchliche Basis der beiden Werke, denn der Zusammenschluss bringt für sie eine wesentliche Vereinfachung. Bisher hat Brot für alle auch Mittel für HEKS gesammelt und es war für unsere kirchliche Basis nicht immer einfach zu verstehen, woher die Mittel stammen und wohin sie fliessen. Das wird mit der Fusion sehr viel einfacher nachvollziehbar. 

Peter Merz:
 
Ich gehe davon aus, dass sich in fünf Jahren kaum noch jemand daran erinnern wird, dass es da mal zwei Organisationen gab. Wir müssen relevante und glaubwürdige Arbeit leisten, dann werden wir von Behörden, Stiftungen, Kirchgemeinden und Privatpersonen auch in Zukunft die notwendige Unterstützung erhalten. 

Wo sehen Sie die grössten Chancen der Fusion, wo die grössten Risiken? 

Peter Merz:
 Ich sehe eine grosse Chance darin, dass wir voneinander lernen und komplementäre Bereiche wie Programmarbeit und Campaigning zusammenbringen können. Eine Chance ist auch, dass wir in Zukunft als ein einziges kirchliches Werk auftreten und damit ein noch breiteres Zielpublikum ansprechen können.  

Bernard 
DuPasquier:
 Wir werden dann Erfolg haben, wenn wir es schaffen, aus den beiden Werken mit ihren unterschiedlichen Kulturen eine neue Organisation mit einer gemeinsamen Kultur zu entwickeln. Wir stehen doch vor der gleichen Herausforderung wie unsere gesamte Gesellschaft: Wir müssen uns als Organisationen von der Vorstellung verabschieden, dass jede für sich genommen die Beste ist. Und wir dürfen uns nicht zu fest an das klammern, was jede Organisation für sich entwickelt hat. Darin liegt gleichzeitig auch die Gefahr des Scheiterns. 

Die beiden Werke haben zwar die gleiche kirchliche DNA, pflegen aber gleichwohl sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen. Wie soll daraus schlussendlich eine gemeinsame, harmonisches Kultur entstehen? 

Bernard DuPasquier
:
Mir ist besonders wichtig, dass es in der neuen Organisation einen Raum gibt, in der gemeinsam und ohne rigide Planung experimentiert und neue Formen der Zusammenarbeit und Arbeitsweisen ausprobiert werden können. Zudem ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden bereits jetzt ganz konkret zusammenarbeiten können. Wir haben die konkrete Arbeit im Mai/Juni letzten Jahres aufgenommen und sind seither schon grosse Schritte vorangekommen. Das macht Mut, dass wir trotz unterschiedlicher Führungsstile und Kulturen pragmatisch und wirkungsvoll zusammenarbeiten können.  

Peter Merz:
Ich glaube auch, dass sich die neue Kultur durch die konkrete Zusammenarbeit in Workshops, Projektgruppen, Kampagnen, Programmen und Themen entwickeln wird. Wir sitzen ja heute schon teilweise in den gleichen Gremien und organisationsübergreifenden Arbeitsgruppen. Dies gilt es zu verstärken. Bedingung ist, dass wir bereit und fähig sind, themen- und bereichsübergreifend zu denken und zu handeln.

Bei einer Fusion ergeben sich fast immer auch personelle Redundanzen. Welche Konsequenzen hat die Fusion für die Mitarbeitenden? 

Peter Merz
:
Das ist so. Es ist auch ein Anliegen, mit der Fusion die Effizienz zu verbessern. Wir gehen aufgrund einer ersten Analyse von 10 bis 13 Stellen aus, die wir abbauen müssen. Aktuell geht es darum, die Doppelspurigkeiten zu eruieren und zu schauen, was das für die Betroffenen konkret bedeutet. Es wird interne Entwicklungsmöglichkeiten geben, doch ohne Abgänge werden wir nicht auskommen. Wir werden aber sicher auch die natürliche Personalfluktuation nutzen können.

Bernard DuPasquier:
Beide Organisationen sind bereits heute in einer Situation, in der sie sich unabhängig von der Fusion neu aufstellen und positionieren müssen. Das heisst, wir müssen jetzt unsere Hausaufgaben machen und danach schauen, wo effektiv Doppelspurigkeiten entstehen. Wie Peter Merz bereits gesagt hat, geben uns die zwei Jahre aber genügend Luft, das Ganze über natürliche Abgänge so sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Wenn eine Stelle frei wird, schauen wir schon heute, ob es Sinn macht, diese bereits gemeinsam zu besetzen.

Welches sind die wichtigsten Schritte, die auf dem Weg zur Fusion noch bevorstehen? 

Bernard DuPasquier:
Für mich sind die grossen Meilensteine die Erarbeitung einer gemeinsamen Organisationsform, einer gemeinsamen Strategie und einer gemeinsamen Marke. Diese Aufgaben sollten wir bis im Sommer/Herbst 2020 bearbeitet haben. Im November 2020 müssen die Organisationsform und die neuen Statuten durch die Synode der EKS abgesegnet werden. Danach folgt ein offizieller Fusionsantrag an die eidgenössische Stiftungsaufsicht. Ist deren Antwort positiv, braucht es noch einen Eintrag im Handelsregister. Aus diesem Grund ist eine Fusion nicht vor dem 1. Januar 2022 möglich.  

Ändert sich mit dem Zusammenschluss etwas für die Kirchgemeinden, die bislang beide Werke oder nur eines der beiden Werke unterstützt haben? 

Peter Merz:
Für die Kirchgemeinden wird es einfacher, denn sie können ihre Kräfte auf ein Werk fokussieren. Die ökumenische Kampagne, Inland- und Auslandkampagnen, alles aus einer Hand. Ausserdem ist es unser Ziel, dass unsere Arbeit durch die Komplementarität von Programmarbeit und politischer Arbeit an Relevanz gewinnt. Damit können wir auch innerhalb von Alliance Sud (gemeinsamer entwicklungspolitischer Think-Tank der sechs Schweizer Entwicklungsorganisationen HEKS, Brot für alle, Swissaid, Fastenopfer, Helvetas und Caritas; Anm. der Redaktion) oder der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) profilierter und dezidierter auftreten.

Bernard DuPasquier:
 
Die Auswahl der Projekte, Programme und Aktivitäten, welche die Kirchgemeinden unterstützen können, bleibt gleich. Aber es wird für sie in dem Sinne einfacher, als dass die Spendensammlungen während der Ökumenischen Kampagne nicht mehr über Brot für alle laufen, sondern die Kirchgemeinden den einzelnen Werken direkt spenden können.

Was passiert mit der Ökumenischen Kampagne, die seit über 50 Jahren von Brot für alle und Fastenopfer getragen wird?

Bernard DuPasquier:
Die Ökumenische Kampagne und die ökumenische Zusammenarbeit werden weitergeführt. Über die Sammlung und das Projektheft war HEKS schon immer Teil der Ökumenischen Kampagne und das wird künftig sicher noch bewusster wahrgenommen.

Wo soll in Ihrer Vorstellung die neue Organisation in fünf Jahren stehen? 

Peter Merz:
Ich wünschte mir, dass man in fünf Jahren nicht mehr von Brot für alle und HEKS spricht, sondern von einem gemeinsamen Werk, das politisch und programmatisch arbeitet und ein respektierter  Akteur ist mit einer starken Inland- und Auslandarbeit.

Bernard DuPasquier:
Ich finde es sehr schwierig, im heutigen Kontext eine Aussage darüber zu machen, wie es in fünf Jahren sein wird. Was ich mir aber wünsche, ist, dass wir dann stolz darauf sein können, was wir gemeinsam entwickelt haben. Und dass wir mit unseren Themen und der Art, wie wir sie bearbeiten, ein Vorbild sein werden für eine nachhaltige Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele.

Interview: Dieter Wüthrich, Pascale Schnyder