Kautschuk-Konzern vertreibt Bauern in Liberia

20.02.2019
Bern/Lausanne, 20. Februar 2019. Verstoss gegen Landrechte, Vertreibungen, Gewalt: Der luxemburgische Plantagenkonzern Socfin und seine Schweizer Tochterfirmen sind gemäss einem Bericht der Entwicklungsorganisation Brot für alle in Liberia in gravierende Menschenrechtsverletzungen involviert. Auch die Ernährungssicherheit und der Zugang zu Wasser und Bildung haben sich in den Dörfern rund um die Kautschuk-Plantagen verschlechtert. Das Beispiel zeigt die Dringlichkeit der Konzernverantwortungsinitiative, die derzeit im Parlament diskutiert wird.

Kautschuk ist ein lukratives Produkt: Es ist vielseitig einsetzbar und wird für Reifen, Kondome, Outdoor-Bekleidung oder Matratzen verwendet. Weltweit hat sich die Nachfrage in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Auch der luxemburgische Socfin-Konzern hat seine Plantagen im westafrikanischen Liberia erweitert, um über die in Freiburg ansässige Tochterfirma Sogescol mehr Naturgummi auf den Weltmarkt zu werfen. Doch für die Dörfer im Umfeld der Plantagen hatte die Expansion verheerende Folgen.

«Als das Unternehmen hierherkam, wurde uns gesagt, dass sich unser Leben verbessern würde. (…). Wir wussten damals nicht, dass [die Plantage] kein Segen sein sollte, sondern die Hölle.» So fasst ein Bauer zusammen, was sich zugetragen habe. Denn beim Ausbau der Kautschuk-Monokulturen verloren zahlreiche Menschen ihr fruchtbares Agrarland, auf das sie zum Überleben angewiesen sind. Zudem wurden heilige Wälder oder Gräber zerstört, der Zugang zu Wasser hat sich verschlechtert. Viele Menschen in den Dörfern berichten, ihr Wasser sei durch Pestizide der Plantagen verunreinigt worden.

Verstoss gegen Sorgfaltspflicht
Drei Dörfer mussten weichen, weil Bagger ihre Pflanzungen zerstörten und die Menschen von Angestellten des Unternehmens eingeschüchtert wurden. «Wenn der Bulldozer kommt, kannst du nicht im Dorf bleiben», erzählt einer der Dorfältesten. Der Bericht kommt zum Schluss, dass auch andernorts traditionelle Landrechte verletzt wurden, in einigen Fällen gar private Landrechte mit offiziellem Landtitel. Socfin hatte die Konzessionen zweier Plantagen 1998 bzw. 2007 gekauft und hätte aus Sicht der Autoren prüfen müssen, ob dabei gewohnheitsrechtlicher Landbesitz tangiert war.

Dies ist eine Verletzung der Sorgfaltspflicht, an welche sich der Konzern laut internationalen Standards, zum Beispiel den Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und den OECD-Leitsätzen, halten sollte. Kompensationen sind zwar teilweise geflossen, aber sie reichten nicht aus, um die früheren Lebensbedingungen der betroffenen Personen zumindest wiederherzustellen. Heute leiden vor allem Frauen unter dem verlorenen Zugang zu Wald und Ackerflächen, denn sie sind für die Ernährung der Familie verantwortlich.

Frauen berichten, sie seien immer wieder sexueller Gewalt durch Subunternehmer und teilweise auch durch Sicherheitsleute der Plantagen ausgesetzt. Die Aussagen von zahlreichen Menschen, die auf oder neben den Plantagen leben, zeugen von einem Klima der Angst. Bei einem besonders schwerwiegenden Vorfall im Jahr 2013 haben Sicherheitsleute der Plantagen und die Polizei das Dorf Daokai innerhalb des Socfin-Konzessionsgebiets überfallen. Sie plünderten gemäss Berichten Häuser, stahlen elektronische Geräte und verprügelten einen Dorfbewohner.

Kautschuk über die Schweiz gehandelt
Die Struktur des Socfin-Konzerns, dem die Plantagen in Liberia gehören, ist komplex und verschachtelt. Klar ist jedoch, dass praktisch der gesamte Kautschuk Socfins aus Liberia über die in der Stadt Freiburg ansässige Tochterfirma Sogescol gehandelt wird. Zudem kümmert sich die ebenfalls in Freiburg sitzende Socfinco um Management und Nachhaltigkeitsberatung der Plantagen. Die Schweizer Firmen haben damit entscheidenden Einfluss auf die Plantagen-unternehmen. Sogescol übt als exklusiver Handelspartner des Kautschuks gar eine de facto-Kontrolle aus.

Gemäss den Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGP) sind Sogescol und Socfinco dafür verantwortlich, Menschenrechtsverletzungen durch die Geschäftstätigkeit der Plantagen in Liberia zu verhindern. Der Bericht von Brot für alle zeigt klar auf, dass dies ausblieb. Freiwillige Standards und Massnahmen reichen also nicht aus, um die Rechte der Menschen vor Ort zu schützen. Deshalb braucht es die Konzernverantwortungsinitiative, die Schweizer Unternehmen, deren Töchter und «faktisch kontrollierte» Unternehmen gesetzlich verpflichtet, auch bei Geschäften im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards einzuhalten und eine entsprechende Sorgfaltsprüfung durchzuführen.

Material zum Download

Dieser Bericht entstand in enger Zusammenarbeit mit den liberianischen Organisationen Alliance for Rural Democracy, Green Advocates International und Natural Resource Women’s Platform.

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