Indonesien

Falsche Rezepte gegen Hunger

02.06.2020
Photo: Marion Nitsch

Miges Baumann arbeitet als Fachexperte Entwicklungspolitik bei Brot für alle

Corona als Impuls für eine neue Lebensmittelpolitik?

Die indonesische Menschenrechts- und Umweltorganisation WALHI ist mit Kampagnen, politischen Stellungnahmen und Projekten in jeder Provinz des Landes aktiv. Brot für alle unterstützt die Sektion in West-Kalimantan im Kampf gegen Land Grabbing durch Palmölplantagen. Sie tut dies mit Erfolg, wie ich bei meinen Besuchsreisen immer wieder feststellen kann. Zudem fördert Brot für alle auch Walhis Klimakampagne, zum Beispiel mit einem Training von WalhiAktivisten für die partizipative Analyse von Dorfgemeinschaften zu Klima- und Katastrophen-Risiken. Solche Klima-Workshops sind im Moment jedoch nicht möglich. 

Die Corona-Krise drohte sämtliche Aktivitäten von Walhi stillzulegen. Obschon die Mitarbeitenden zu Hause bleiben müssen und nur noch selten die Dörfer besuchen oder Veranstaltungen organisieren können, haben sie dennoch erstaunlich schnell Wege gefunden, um  national und in den Provinzen wieder präsent zu sein. Sie mischen sich über die Medien in den politischen Diskurs ein und versuchen zu erreichen, dass die Armen von der Regierung nicht im Stich gelassen werden.  

Schon früh hat Walhi die Regierung gedrängt, mehr in die Bekämpfung der Corona-Krise zu investieren: Es brauche Schutzkleidung, Masken und vor allem Hilfe für die durch den teilweisen Lockdown arbeitslos gewordenen Tagelöhner. Auch jene Menschen, die vom Tourismus leben, wie etwa auf der kleinen Insel Pari vor Jakarta, die vor allem Wochenend-Touristen aus der Hauptstadt beherbergt, sind plötzlich ohne Einkommen und ohne Verkehrsverbindungen. Die Walhi Sektion Jakarta versucht nun, diese Menschen mit Nahrungspaketen zu unterstützen. 

Auch die Regierung sah schnell, dass sich die Arbeitslosigkeit in Städten und Tourismus-Gebieten zu einer Nahrungs- und Hungerkrise ausweiten könnte. Als Gegenmassnahme hat sie alte, problematische Rezepte aus den Schubladen gezogen, die sie nun als Lösungsansätze verkauft. 

Reis statt Torf 

So hat laut Medienberichten Präsident Joko Widodo die staatlichen Unternehmen angewiesen, rund 900’000 Hektar Feucht- und Torfgebiete in Reisfelder umzuwandeln. Damit soll die durch die Covid-19-Pandemie entstandene Nahrungsmittelkrise überwunden werden.  

Bereits in den 1970er Jahren hatte die SuhartoDiktatur versucht, einen ähnlichen Plan umzusetzen. «Dieses Projekt hat damals die ökologischen und sozialen Funktionen des Torfmoorökosystems verwüstet und ist letztlich kläglich gescheitert», sagt Khalisah Khalid, die politische Direktorin von Walhi. Immer wieder kommt es in den ausgetrockneten Torfgebieten zu verheerenden Bränden. Daten der National Disaster Management Agency (BNPB) zeigen, dass allein im letzten Jahr Flächen von insgesamt 330’000 Hektar verbrannt sind. «Die Wald- und Torfbrände führen dazu, dass die Sicherheit der ansässigen Menschen jedes Jahr aufs Neue durch Rauch und die Zerstörung von Ökosystemen bedroht ist», erinnert Khalid und warnt davor, wieder die gleichen Fehler zu machen.  Walhi fordert die Regierung dazu auf, die Krise für neue Wirtschaftsmodelle zu nutzen und das Versprechen einzulösen, den Kleinbauern ihr geraubtes Land zurückzugeben. Damit begegne  man der Nahrungskrise effizienter, ist Khalid überzeugt. Gesundheitsfragen, Umweltzerstörung und Menschenrechtsfragen seien eng miteinander verbunden, ergänzt sie. Sogar das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) habe in Aussicht gestellt, dass durch die Intensivierung der Landwirtschaft, deren Industrialisierung sowie die Zerstörung von Wäldern und Land vermehrt Zoonosen auftreten würden – Krankheiten wie Covid-19, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. 

Indigene Schutzkonzepte 

Anton Widjaya von Walhi West-Kalimantan ist überzeugt, dass indigene Systeme in Krisen grössere Widerstandsfähigkeit an den Tag legen, und sieht diesbezüglich aktuell eine Chance: «Diese Krise könnte für die Regierung ein Impuls sein, die Lebensmittelpolitik zu ändern und künftig auf lokales Wissen und die Weisheit der Gemeinschaften mit der Vielfalt an Nahrungsmitteln zu setzen.»   

Die von Walhi West-Kalimantan unterstützte indigene Dayak-Bevölkerung zum Beispiel habe keine Probleme mit der Nahrungsmittelsicherheit. «Die Weisheit und das lokale Wissen helfen ihnen, die Covid-Pandemie zu überleben», sagt Anton Widjaya. Die abgelegenen Gemeinschaften würden auch versuchen, möglichst wenig Kontakt zu Händlern und Besuchern zu haben. Allerdings können sie aktuell ihren selbst produzierten Kautschuk nicht verkaufen und haben deshalb kein Geld, um Schutzausrüstungen zu kaufen. Wo es aufgrund der Entwicklung der Covid-19-Fälle nötig wird, springt nun Walhi West-Kalimantan ein und verschafft den Gemeinschaften die notwendigen Mittel, um sich mit Schutzmasken und ähnlichem zu versorgen. Dies auch mit Unterstützung durch Brot für alle.

 

 

 

Walhi beim Einpacken der Corona-Hilfspakete für die Communities

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