Honduras: Gewalt gegen die Garífunas

03.09.2020
tina_Goethe

Tina Goethe arbeitet bei Brot für alle als Fachperson Recht auf Nahrung

Über Macht und Machtlosigkeit

«Die Schweizer Regierung soll wissen, dass überall auf der Welt – und besonders in Honduras –Menschen wegen der Palmölproduktion sterben.» Diese dramatische Botschaft formulierte eine Vertreterin der afro-honduranischen Volksgruppe der Garífunas im Oktober 2017 in einem Interview mit 20 Minuten. Die Frau, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben muss, war auf Einladung von Brot für alle und Pro Natura in der Schweiz auf Besuch und berichtete von Gewalt, Vertreibungen, vergifteten Flüssen und Krankheiten, die ihre Gemeinschaft auf Grund der Ölpalmplantagen erleidet. Ihre Schilderungen waren so erschütternd, dass mir unsere Kampagne «Palmöl heisst Landraub», die wir damals gemeinsam mit Fastenopfer lanciert hatten, plötzlich unzureichend und hilflos erschien.

Zwar erreichten wir mit dieser Kampagne immerhin, dass Coop seinen Palmölverbrauch bei den Eigenmarken im Lebensmittelbereich deutlich reduziert und den Rest auf Biopalmöl umstellt – doch der Gewalt gegen die Garífunas konnten und können wir kaum etwas entgegensetzen.

Die Garífunas leben an der Karibikküste im Norden von Honduras. Seit Jahren kämpfen sie gegen Landraub und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Die Regierung scheint den mafiös organisierten bewaffneten Gruppen, die die Interessen der Grossgrundbesitzer und Unternehmen durchsetzen, ganz offensichtlich freie Hand zu lassen. Diese pushen nebst der Palmölproduktion auch die touristische Vermarktung der attraktiven Karibik-Strände. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat schon vor fünf Jahren einer Klage der Garífunas Recht gegeben und die Rückgabe von Land sowie Entschädigungen für erlittene Schäden angeordnet. Das ist bis heute nicht geschehen. Stattdessen hat die Gewalt eher zu- als abgenommen.

Lebensgefährliches Engagement

Allein im letzten Jahr wurden 11 Männer und sechs Frauen der Garífunas in Honduras ermordet. Doch nichts geschieht. Die Verbrechen werden nicht untersucht, niemand wird zur Verantwortung gezogen. Die Täter können sich auf komplette Straflosigkeit verlassen.

Der jüngste Gewaltübergriff ereignete sich Mitte Juli, als vier Mitglieder der Garífuna-Organisation OFRANEH von bewaffneten Männern, in Uniform der nationalen Polizei, entführt wurden. Seitdem fehlt von den vier Menschenrechtsverteidigern jede Spur. Die Chance, dass die Männer lebend zu ihren Familien zurückkehren, ist gering. Auf die diversen internationalen Appelle hat die Regierung von Honduras bisher nicht reagiert. Wie vor drei Jahren im Gespräch mit der Garífuna-Vertreterin in Bern, überkommt mich wieder das Gefühl von Hilf- und Machtlosigkeit.

Gesetze gegen Skrupellosigkeit in der Palmölbranche

Aus meiner Sicht trägt der Palmölsektor an der Gewalt ganz klar eine Mitverantwortung. Das Gerede vom vermeintlich «guten Palmöl», das vom Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) zertifiziert ist, will ich nicht mehr hören. Auch in Honduras werden RSPO-Zertifikate vergeben. Eine wirksame Kontrolle, dass für dieses Palmöl wie vom Label versprochen keine Wälder gerodet und keine Menschenrechte verletzt werden, gibt es nicht. Angesichts der unglaublichen Zustände ist das nicht weiter erstaunlich. Doch auch in anderen palmölproduzierenden Ländern, wo die politische Situation weniger dramatisch ist als in Honduras, nützen freiwillige Richtlinien wie diejenigen des RSPO wenig. Seit über 15 Jahren ist es dem RSPO nicht gelungen, die Ausdehnung der Plantagenwirtschaft auf Kosten des Waldes und der Menschen- und Landrechte vor Ort zu stoppen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass den zerstörerischen Auswirkungen des Palmölsektors nur mit Gesetzen beizukommen ist. Gesetze, die sowohl für die Firmen in den Produzentenländern gelten, wie für Unternehmen in Ländern wie der Schweiz, wo die Verarbeitung und Vermarktung der palmölhaltigen Produkte stattfindet. Gesetze, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative fordert.

Angesichts des unermüdlichen Engagements und Mutes der Garífunas sowie der unzähligen anderen Aktivistinnen und Aktivisten weltweit, die sich unter schwierigen Rahmenbedingungen für ihre Rechte – für Menschenrechte einsetzen, kann ich mir das Gefühl von Hilf- und Machtlosigkeit gar nicht leisten. Als Bewohnerin eines der reichsten Länder der Welt, das damit automatisch auch zu den mächtigen Ländern der Welt gehört, bin ich weder macht- noch hilflos: Ich kann mich beruflich und privat engagieren, mir steht dafür eine hervorragende Infrastruktur zur Verfügung und ich laufe nicht Gefahr, meine persönliche Sicherheit dafür aufs Spiel zu setzen.

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