Fair Wear Foundation warnt vor Stornierungen

30.04.2020
Photo: Marion Nitsch

Miges Baumann arbeitet als Fachexperte Entwicklungspolitik bei Brot für alle
und ist Mitglied des Stiftungsrats der Fair Wear Foundation.

Dramatische Situation in der Textilindustrie

In den verschiedenen Kleiderfabriken, die ich in China, Vietnam oder auch in Myanmar als Mitglied des Stiftungsrates der Fair Wear Fondation (FWF) besucht habe, arbeiten vor allem Frauen. Sie sitzen in langen Produktionsstrassen, schneiden den Stoff zu, nähen, veredeln die Kleidungsstücke mit Accesoires oder prüfen die Qualität. Der Abstand zwischen ihren Arbeitstischen ist gross. Eigentlich eine ideale Ausgangslage, um auch während der Corona-Krise weiter produzieren zu können. 

Doch die aktuellen Informationen, die wir gerade von der Fair Wear Foundation, einer Partnerorganisation von Brot für alle erhalten, tönen alles andere als gut:

«Die Covid-19-Pandemie trifft die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Bekleidungsindustrie sehr hart», sagt Juliette Li. Sie stammt aus China und arbeitet seit Jahren für die Fair Wear Fondation. «Die Auswirkungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter sind verheerend. In Produktionsländern wie China, Indien, Pakistan oder der Türkei sind die Fabriken teilweise geschlossen. Infolgedessen wurden Millionen von Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter nach Hause geschickt. Viele ohne Einkommen, um ihre Familien zu ernähren, geschweige denn um sie in dieser Krise zu schützen.»

In Indien droht Hunger

Besonders bewegend ist die Situation etwa im indischen Bundesstaat Tirupur. FWF geht davon aus, dass die Beschäftigten der dortigen Bekleidungsindustrie aufgrund der Nahrungsmittelknappheit Hunger leiden werden. Die vorerst auf 21 Tage angesetzte Ausgangssperre in Indien, die mittlerweile um weitere Wochen bis zum 3. Mai verlängert wurde, gefährdet vor allem Wanderarbeiterinnen und -arbeiter. Sie erhalten von ihren Auftraggebern sowie von der indischen Regierung nur eine geringe Unterstützung. Sie sitzen in provisorischen Unterkünften fest und haben kein Geld, um heimzureisen. Die Fair Wear Foundation konnte aus ihrem Notfallfonds für einige Grundbedürfnisse wie die Versorgung von Familien mit Nahrungsmitteln aufkommen. Sie geht aber davon aus, dass der Unterstützungsbedarf dieser Familien noch zunehmen wird.

Ungenügende medizinische Versorgung

Viele Arbeiterinnen und Arbeiter der Bekleidungsindustrie – weltweit, nicht nur in Indien – haben weder eine Sozial- noch eine Krankenversicherung. Wenn sie an Covid-19 erkranken, haben sie nicht genügend Geld, um die Behandlung zu bezahlen. Viele Bekleidungsfabriken stellten wegen des in der Produktion anfallenden Staubs bereits vor der Corona-Krise Gesichtsmasken zur Verfügung. Das ist ihre Pflicht. Viele Herstellerländer verfügen jedoch nicht über die Gesundheitsinfrastruktur, die zur Bewältigung einer Pandemie dieses Ausmasses erforderlich ist, und die Arbeitnehmer haben keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung.

Keine Stornierungen!

Die Fair Wear Foundation ruft europäische und Schweizer Bekleidungsmarken dazu auf, versandfertige Bestellungen nicht zu stornieren, Änderungen oder Verzögerungen in der Produktion zu berücksichtigen und sich bezüglich Lieferterminen flexibel zu verhalten. Die Markenfirmen sollten mit ihren Lieferanten zusammenarbeiten, um die negativen Auswirkungen auf die Beschäftigten zu mildern. Es ist entscheidend, dass während dieser Krise alle Akteure in der Bekleidungsindustrie zeigen, wie verantwortungsbewusstes Wirtschaften konkret aussieht.

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