Erfolgreicher Kampf gegen Land Grabbing

21.08.2020
Photo: Marion Nitsch

Miges Baumann arbeitet als Fachexperte Entwicklungspolitik bei Brot für alle

Foto: Brot für alle/Walhi

Ein Dorf rettet seinen Wald

Dieser Tage erreichen uns ermutigende Nachrichten aus Indonesien: Die indigene Bevölkerung von Silit, einem Dorf in West-Kalimantan, soll ihren Wald zurückerhalten! Die Regierung hat ihren Anspruch bejaht – und die traditionelle Waldbewirtschaftung als nachhaltigen Schutz für den Wald anerkannt.

Am Anfang dieser tollen Erfolgsgeschichte stehen dramatische Bilder einer grauenhaften Zerstörung: nackte Hügel, wo gerade noch intakter Wald stand, verschmutzte Bäche, erboste Dorfbewohner. Die Bilder wurden im Dezember 2015 von einem Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Walhi im Dorf Kuai in West-Kalimantan aufgenommen.

Zwei Tochterfirmen des Palmöl-Konzerns Dharma Satya Nusantara (DSN) hatten 2014 in Kuai 127 Hektar Land ergattert. «Die Palmöl-Firma kam quasi durch die Hintertüre und rodetet Wald der Gemeinde, bevor sie das Einverständnis des gesamten Dorfes hatte», erzählt Pak Toni, ein mutiger Bauer aus dem Dorf.

Die Credit Suisse (CS) hatte zuvor schon zweimal für DSN eine Kapitalbeschaffung organisiert. Deshalb beauftragte Brot für alle 2015 Walhi, die Tätigkeiten von Firmen, die von der CS und anderen Schweizer Banken finanziert werden, zu untersuchen. Dabei bestätigte sich unsere Vermutung, dass die Palmöl-Industrie nicht nur den Urwald zerstört, sondern auch ein massiver Treiber von Land Grabbing ist.

Unterstützung und Publizität

In Nanga Pari, acht Fahrstunden auf holpriger Schotterstrasse, weitab vom Distriktshauptort Sintang entfernt, sind die Bewohnerinnen und Bewohner ganz und gar nicht einverstanden mit der regelwidrigen Landnahme durch die Plantagenbetreiber. Sie sind wütend und rufen Walhi für Unterstützung gegen den Landraub. Brot für alle beginnt, auch die Aktivitäten von Walhi vor Ort mitzufinanzieren.

Foto: Lorenz Kummer/Brot für alle
Kuai zählt rund 500 Bewohnerinnen und Bewohnern und ist eines von sechs Dörfern, die zusammen die Gemeinde Nanga Pari bilden. Silit ist mit 4000 Hektar das flächenmässig grösste Dorf der Gemeinde.

Seit 2015 hat sich in Nanga Pari viel bewegt. Bei meinen alljährlichen Besuchen, die ich zusammen mit Walhi absolvierte, haben wir oft jemanden von aussen mitgenommen: 2016 den Filmemacher François von Sury, 2018 die Radiojournalistin Karin Wenger, 2019 den Medienverantwortlichen von Brot für alle.

Im Gegensatz zu Kuai, ist der Regenwald von Silit bis heute noch völlig intakt. Ich erinnere mich gut, wie ich das idyllische Dorf mit dem damaligen Walhi-Direktor Anton Widiaya zum ersten Mal besuchte. Am Oberlauf des Flüsschens, das man nach einer abenteuerlichen Motorradfahrt und einem längeren Fussmarsch erreicht, befindet sich ein glasklarer Wasserfall. Das Becken darunter ladet zum Bade.

Foto: Lorenz Kummer/Brot für alle

Ortstermin zeigt Wirkung

Anton ist so begeistert von der intakten Landschaft, den freundlichen Menschen und besonders von den engagierten Frauen, die ihren Ort mit allen Mitteln erhalten wollen, dass er gleich ein Unterstützungsprogramm für Silit entwirft und mit den Dorfbewohnern diskutiert. Wie zuvor schon in anderen Dörfern, will Walhi auch hier das indigene Territorium mit der Erstellung von «partizipativen Landkarten» schützen. Nach tagelangen Fussmärschen durch den Dschungel, um die genauen GPS-Punkte zu ermitteln, ist es 2019 soweit: Die Landkarte von Silit wird während eines grossen Dorffests «offizialisiert»

Doch die regionale Regierung akzeptiert die 4000 Hektar umfassende Nutz- und Waldfläche nicht, die Silit auf der Karte als sein traditionelles indigenes Territorium gekennzeichnet hat. Sie betrachtet den Wald als Regierungseigentum. Damit ist es auch an Plantagen verleihbar, was Walhi mit einem Besuch vor Ort verhindern will. Sie lädt deshalb die Regierungsbeamten vom 10. bis 14. August 2020 zum Ortstermin.

Mit Erfolg: Anlässlich ihres Besuchs lassen sich die Beamten davon überzeugen, dass die indigene Bevölkerung den Wald bisher gut geschützt hat und auch weiterhin nachhaltig bewirtschaften wird. In der Folge erklärt die regionale Regierung in Sintang, dass sie den traditionellen Anspruch von Silit anerkennen und deren Waldbewirtschaftung als gleichwertig mit einer industriellen Nutzung einstufen werde. Ein entscheidender Schritt zur Verhinderung einer Vergabe von Nutzungslizenzen an Plantagenunternehmen.

Für die angestrebte Rückgabe des Waldes an das Dorf stellt die Regierung jedoch noch verschiedene Forderungen. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Silit und die Mitarbeitenden von Walhi sind gut vorbereitet: Schon am 18. August legen sie den Beamten dar, wie sie diese Forderungen erfüllen können. Gleichzeitig treffen sich Vertreter von Walhi mit dem Forstministerium in Jakarta, worauf auch die Zentralregierung zustimmt, den Wald dem Dorf Silit zu überlassen.

Silit als Vorbild

Ein riesiger Erfolg für Silit und für Walhi! – Bei der Umsetzung der von der Regierung ausbedungenen Anforderungen wird die Umweltorganisation weiterhin mit der Bevölkerung vor Ort zusammenarbeiten. Als Tüpfchen auf dem ‘i’ bezeichnet das Tourismusbüro von Sintang Silit neuerdings als ökologisch und kulturell sehenswerten Tourismusort, der von der Gemeinschaft verwaltet wird.

Damit kann das Gebiet von Silit noch besser vor der Ausdehnung von Plantagen und Bergbau geschützt werden. Silit ist damit das erste Dorf im Distrikt, das seinen Wald aus dem Staatsbesitz zurück erhält. Damit ist es ein Vorzeigebeispiel im Kampf gegen Land Grabbing.

Nikodemus Ale, der neue Direktor von Walhi West-Kalimantan, schreibt uns: «Dies alles wurde möglich, weil wir von Brot für alle unterstützt werden. Vielen Dank».

Ihre Spende ist wichtig

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!