Elektronik – Fluch und Segen während der Pandemie

16.06.2020
karin mader

Karin Mader arbeitet bei Brot für alle als Fachexpertin
für Menschenrechte im Elektroniksektor

Zwiespältige Entwicklungen

Zur Pandemiebekämpfung ist die Welt auf elektronische Geräte und Programme angewiesen. Gleichzeitig verschlechtert Covid-19 die Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie, wie unsere Partnerorganisation Electronics Watch feststellt. Auf ihrer Website schildern verschiedene Betroffene die Situation.

Dhurba Thapa aus Nepal, der in verschiedenen Elektronikfabriken in Malaysia gearbeitet hat, beklagt einen grossen Widerspruch: Einerseits seien elektronische Geräte und Programme für das Contact Tracing und die Behandlung von Covid-19 zentral, gleichzeitig setzten für deren Herstellung Arbeiterinnen und Arbeiter in Asien ihre Gesundheit aufs Spiel. Während die Pandemie wütete, wurden in China, Malaysia, Vietnam und an vielen anderen Standorten der Elektronikindustrie auf staatliches Geheiss Fabriken geschlossen. Andere wurden mit Sonderbewilligungen, auf Sparflamme und häufig mit unzureichenden Hygiene- und Schutzmassnahmen, weiter betrieben. Abertausende von Arbeiterinnen und Arbeitern fanden sich kurzfristig auf der Strasse wieder, manche ganz ohne Einkommen, andere mit mehr oder minder bescheidener Abfindung. Wanderarbeiterinnen und -arbeiter traf es besonders hart. Sie sind bereits in «normalen» Zeiten rechtlich benachteiligt und werden – anders als die Mehrheit der lokal Angestellten – nicht von den Unternehmen selbst, sondern zu schlechteren Bedingungen über Agenturen rekrutiert. Die Pandemie macht sie noch verletzlicher. Aufgrund nationaler und internationaler Reisebeschränkungen ist ihnen die Heimreise häufig verwehrt. Oder sie befürchten, zu Hause die Familie anzustecken, und versuchen deshalb, möglichst lange am Arbeitsort auszuharren. Dabei reichen ihre zunehmend beschränkten Mittel kaum aus, um die gleichzeitig steigenden Preise von Mietzimmern und Nahrungsmitteln zu bezahlen. Ihren Familien in der fernen Heimat können sie deswegen immer weniger Geld schicken, so dass auch diese hungern oder auf medizinische Behandlungen verzichten müssen.

Arbeiterrechte ausgehebelt

«Während der ersten Pandemie-Welle brach die Produktion in meiner Fabrik über die Hälfte ein, weil die Bestellungen ausblieben», erzählt ein Arbeiter aus Vietnam. Er möchte anonym bleiben, weil er zwar über die Missstände berichtet, aber dennoch hofft, bald wieder ans Fliessband zurückkehren zu können. «Nachdem die erste Welle vorüber war, haben die Firmen versucht, den Verlust wieder aufzuholen. Sie haben sogar Covid-Prämien bezahlt, damit die Arbeiterinnen und Arbeiter schneller wiederkommen und mehr produzieren.» Von Kollegen in benachbarten Fabriken hat er gehört, dass gleichzeitig nur unzureichend für die Sicherheit der Angestellten gesorgt war, so dass sich in kurzer Zeit viele von ihnen mit dem Virus ansteckten und mittellos in ihren Unterkünften bleiben mussten. Um den Produktionsrückstand aufholen zu können, setzen manche Unternehmen in Malaysia gar Arbeitsrechte ausser Kraft – teilweise sogar in Absprache mit lokalen Behörden, wie Dhurba Thapa berichtet.

Um solcher Ausbeutung einen Riegel zu schieben, braucht es die Arbeit unserer Partnerorganisation Electronics Watch, die sich mit ihrem speziellen Monitoring-Ansatz dafür einsetzt, dass in Elektronikfabriken arbeitsrechtliche Standards und Vereinbarungen zugunsten der Arbeitenden eingehalten werden. Das ist jetzt während der Pandemie noch viel wichtiger als in «normalen» Zeiten. Electronics Watch verfügt hauptsächlich in Asien über ein Netzwerk lokaler NGOs und Gewerkschaftspartner, die sich vor Ort auskennen. Sie suchen mit den Verantwortlichen von Elektronikfabriken, aus denen arbeitsrechtliche Missstände gemeldet werden, das Gespräch, um Verbesserungen zu bewirken. Sie tun dies im Interesse der Mitglieder von Electronics Watch, die sich aus öffentlichen Beschaffern wie europäischen Gemeinden, Universitäten, Spitälern oder Verkehrsbetrieben zusammensetzen und die sich verpflichtet haben, verantwortungsvoll hergestellte IT-Geräte einzukaufen. Mit diesen wichtigen Kunden im Rücken und zusammen mit den lokalen Netzwerkpartnern und der Unterstützung durch Brot für alle kann sich Electronics Watch auch bei grossen Elektronikkonzernen wie Samsung, Apple und HP zugunsten der Arbeitenden in Asien erfolgreich Gehör verschaffen.    

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