Ein produktiver Spagat

28.08.2020
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Stephan Tschirren arbeitet bei Brot für alle als Bildungsverantwortlicher

Marie Crescence Ngobo aus Kamerun, Kampagnengast während der Ökumenischen Kampagne 2019, zu Besuch im Luggli.

Kleinlandwirtschaft im Luggli und Bildungsarbeit bei Brot für alle

«Nun wohne ich seit dreissig Jahren in Wohlen, aber hier bin noch nie gewesen.» So oder ähnlich haben in diesem Frühling viele Leute reagiert, wenn sie auf ihren Spaziergängen im Luggli vorbeigekommen sind. Während des Lockdowns gönnten sich deutlich mehr Menschen einen Waldspaziergang, der sie an unserem Haus vorbeiführte. Normalerweise bin ich während der Ökumenischen Kampagne im März und April fast dauernd für Brot für alle unterwegs. In Gottesdiensten, an Suppentagen oder in Schulen stelle ich unsere Arbeit und die aktuelle Kampagne vor. Doch dieses Jahr war alles anders. Home-Office statt lange Zugfahrten war angesagt; der Besuch unseres Kampagnengasts aus Guatemala, der Austausch in Kirchgemeinden, Referate an Suppentagen und die Workshops in Schulen waren gestrichen.

Das Luggli ist ein Bauernheimet, das wir als Familie seit sieben Jahren bewohnen und bewirtschaften. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Nebenerwerb ergänzt meine Aufgaben bei Brot für alle auf ideale Weise: Als ich für einen Predigteinsatz in einer Kirchgemeinde auf dem Land mit dem Pfarrer den thematischen Fokus für meinen Vortrag klärte, liess er mich seine Skepsis deutlich spüren, weil er davon ausging, dass der Referent zwar theoretisch über Landgrabbing sprechen konnte, aber keine eigene landwirtschaftliche Erfahrung aufwies. Man sah ihm förmlich an, wie sich sein Bild von mir änderte, als ich ihm beim Kirchenkaffee erzählte, dass auf unserem Hof in den letzten Tagen zwanzig Gitzi auf die Welt gekommen sind.

Gegenseitige Befruchtung

Solche Erlebnisse zeigen, welche Chancen die Verbindung von entwicklungspolitischer Bildungsarbeit und praktischer Landwirtschaft bietet. Bei Besuchen von Gästen aus dem globalen Süden ist ein Besuch im Luggli jeweils fest eingeplant. Besonders wichtig sind diese Besuche bei Personen, die zu landwirtschaftlichen Themen arbeiten. Mit ihnen kann dadurch ein Austausch auf einer anderen, persönlicheren Ebene stattfinden. Auch für mich persönlich hat sich die Herangehensweise an die Themen, zu denen wir bei Brot für alle arbeiten, verändert. So kann ich jetzt, wo wir selber ein Stück Land bewirtschaften und bewohnen, viel besser nachvollziehen, was es bedeuten würde, vom eigenen Land vertrieben zu werden. Dies, obschon wir erst seit sieben Jahren hier wohnen und nicht schon seit mehreren Generationen. Wie viel stärker muss dann die Verankerung in ihrem Land bei vielen unserer Südpartner sein! Ich spreche heute auch anders über die Auswirkungen der Klimakrise. Ein verregneter Frühling, der unsere Honigernte wie im letzten Jahr fast komplett ausfallen lässt oder ein heisser, trockener Sommer, der sich negativ auf den Heuertrag auswirkt, zeigen mir, wie wenig es braucht, damit Menschen in eine schwierige Situation geraten.

Von dieser Verbindung profitiert aber auch meine eigene landwirtschaftliche Tätigkeit: Durch die globale Dimension, wie ich sie bei meiner Arbeit bei Brot für alle erfahre, stellen wir auch unsere Aktivitäten im Luggli in einen grösseren Kontext. Obschon wir nicht von der Landwirtschaft allein leben müssen – und dies auch nicht könnten – fühlen wir uns mit den Kleinbäuerinnen und -bauern weltweit verbunden. Trotz aller Unterschiede weist unsere Arbeit zahlreiche Berührungspunkte und Verbindungen mit ihren Lebensrealitäten auf.

Weitere Infos zum Luggli finden Sie auf der Webseite „Bio vom Luggli“ und auf der Luggli-Facebookseite.

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