Partner im Norden

Drei Fragen an… Nadja Lang, Geschäftsführerin von Fairtrade Max Havelaar

05.09.2012

Vor 20 Jahren hat Brot für alle die Max Havelaar-Stiftung (Schweiz) gegründet. Im Jubiläumsjahr blicken wir mit Nadja Lang, der Geschäftsführerin, zurück und in die Zukunft des Fairen Handels.

Max Havelaar feiert das 20-jährige Jubiläum. Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf die Geschichte zurückblicken?
Nadja Lang: Mit Fairtrade Max Havelaar haben wir es in der Schweiz geschafft, dass Fairer Handel kein Nischenphänomen mehr ist. Die Fairtrade-Produktpalette ist heute mit rund 1‘600 Artikeln sehr breit, eine Entwicklung die wir dem grossen Engagement unserer Partner im Detailhandel und der Gastronomie und natürlich dem starken Rückhalt in der Bevölkerung verdanken.

Die Pionierrolle, die wir damit im internationalen Vergleich innehaben, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mit einem Pro-Kopf-Konsum von 40 Franken pro Jahr Weltmeister im Konsum von Fair Trade-zertifizierten Produkten zu sein, macht aber gleichzeitig deutlich, dass das Ziel noch lange nicht erreicht ist. Zusammen mit dem Verband Swiss Fair Trade möchten wir den Pro-Kopf-Umsatz auf 100 Franken  steigern, damit noch mehr Kleinbauern und Arbeiterinnen in den Entwicklungsländern von fairen Bedingungen profitieren können.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich Max Havelaar konfrontiert? Was sind die brennenden Themen heute?
Nachhaltigkeit und speziell Umweltschutz sind in aller Munde und wurden nicht zuletzt am UNO-Nachhaltigkeitsgipfel Rio+20 im Juni diskutiert. Dies ist für uns Chance und Herausforderung zugleich. Für Fairtrade Max Havelaar ist wichtig, dass die soziale Dimension innerhalb der Nachhaltigkeitsdiskussion mit dem Fokus auf die Umweltperspektive nicht zu sehr in den Hintergrund rückt.

Die Wirkung von Fair Trade ist natürlich ein Thema, das immer wichtig ist. Dank Fair Trade können Bauernfamilien und Arbeiterinnen ihre Lebensgrundlagen aus eigener Kraft verbessern. Diese Wirkung, die durch jeden einzelnen Einkauf unterstützt wird, gilt es noch stärker zu kommunizieren, damit die Konsumentinnen und Konsumenten Fairtrade Max Havelaar nicht nur kennen, sondern Produkte mit dem Label auch kaufen und in ihren Alltag integrieren. Wir haben in unserem Team einmal ausgerechnet, dass fast eine Million Kleinbauern ihre Lebensbedingungen verbessern könnten, wenn alle Schweizerinnen und Schweizer ein Jahr lang beim Kauf ihrer Frühstücksprodukte Kaffee, Tee, Saft, Bananen und Co. auf Fair Trade umstellen würden.

Werden wir jemals in einer FairTrade-Gesellschaft leben? Was braucht es dafür und wie setzt sich die Max Havelaar-Stiftung dafür ein?
Eine „Fair Trade“-Gesellschaft, in der der faire Handel zum Normalfall wird, ist eine schöne Vorstellung, die gekoppelt ist mit entsprechenden gesellschaftlichen Werten. Innerhalb dieses Wertegerüsts hat Fairtrade Max Havelaar einen klaren entwicklungspolitischen Auftrag in Afrika, Lateinamerika und Asien. Unsere weltweite Vision ist es, dass alle Produzenten ihre Lebensgrundlagen nachhaltig sichern und selbst über ihre Zukunft entscheiden können. Um dieser Vorstellung näher zu kommen, ermuntern wir jeden einzelnen dazu, sein Konsumverhalten entsprechend umzustellen und unsere Handelspartner,ganze Sortimente und nicht nur einzelne Produkte auf Fair Trade umzustellen – Fairer Handel soll für Rohstoffe aus Entwicklungsländern die Regel und nicht die Ausnahme sein. Von diesem Ziel sind wir mit einem Anteil von 0.61% der Konsumausgaben der Schweizer Haushalte für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke aus Fairem Handel noch weit entfernt.

Auch die öffentliche Hand kann hier in doppelter Hinsicht eine zentrale Rolle spielen: Einerseits dank der grossen Volumen und andererseits aufgrund der Vorbildfunktion gegenüber Bürgerinnen und Bürgern. Gleichzeitig engagiert sich die Max Havelaar auch sehr aktiv für die Weiterentwicklung und das Wachstum von Fairtrade International, damit wir unserem Ziel der systematischen Armutsbekämpfung über den Fairen Handel weltweit Schritt für Schritt näher kommen.