Artikel aus dem reformiert. (03/2018)

Die Welt retten kann glücklich machen

24.02.2018

Michel Egger baut in der Westschweiz für Brot für alle (BFA) ein Laboratorium für den inneren Wandel auf. Er glaubt, dass Verzicht nur dann gelingt, wenn die Menschen dafür auch etwas zurückbekommen.

Klimawandel, begrenzte Ressourcen, soziale Ungerechtigkeiten – um die Welt steht es schlecht. Die ökumenische Kampagne zur Fastenzeit ruft dieses Jahr denn auch zum «grossen Wandel» auf, zu einem veritablen Paradigmenwechsel: Genügsamkeit statt Konsum, Zusammenarbeit statt Konkurrenz, Respekt statt Ausbeutung. Wie ernst es den kirchlichen Entwicklungsorganisationen mit ihrem Anliegen ist, lebt Brot für alle vor.

Das Werk der reformierten Kirchen betreibt seit 2016 in Lausanne ein «Laboratorium für den inneren Wandel». Das Experiment konzentriert sich vorerst auf die Westschweiz. Laborleiter Michel Egger sagt: «Viele Menschen sorgen sich um die Zukunft unseres Planeten, doch das eigene Verhalten tiefgreifend zu ändern, ist nicht einfach.“

Meditation und Engagement

Der Soziologe und Theologe befasst sich seit Jahren damit, wie Psychologie und Spiritualität den inneren Wandel unterstützen können, er hat auch Bücher zum Thema geschrieben. Eines davon, «Soigner l’esprit, guérir la terre», den Geist pfl egen, die Erde heilen, wird Ende Jahr auf Deutsch erscheinen.

Für Egger ist klar, dass gute Vorsätze – weniger konsumieren, biologisch und fair einkaufen, Abfälle kompostieren, den öffentlichen Verkehr bevorzugen – erst dann wirklich umgesetzt werden, wenn sie im Sein verwurzelt sind. Und dieses Sein ist geplagt, gerade auch angesichts der globalen Probleme. Ängste und Ohnmachtsgefühle können
die Flucht in den Konsum begünstigen, sagt Egger. Sich solcher Mechanismen bewusst zu werden, sei ein erster Heilungsschritt.

Eine wichtige Aufgabe des 60-Jährigen ist die Vernetzung, zum Beispiel Initiativen aus der alternativen Szene mit kirchlichen Kreisen zusammenzubringen. Das scheint zu gelingen. An den Veranstaltungen des Laboratoriums ist das Publikum bunt gemischt.

Im Moment läuft in Lausanne eine Vortragsreihe zum Wandel mit bekannten Persönlichkeiten der sogenannten Transitionsbewegung aus Frankreich und Belgien. Egger hatte die Idee dazu und holte weitere Organisationen an Bord. Die Auftritte ziehen zwischen 200 und 300 Besucher an. „Die Hälfte des Publikums sind junge Leute.“ Das freut ihn ganz besonders. Von neuen Werten, überraschenden Denkansätzen, gelungenen Initiativen zu hören, ist inspirierend. Doch reicht das aus, um im stressigen Alltag am eigenen Lebensstil etwas grundsätzlich zu verändern? «Es gibt Praktiken, die unterstützend wirken», sagt Egger. Imaginationen, Meditationen, Übungen zu zweit oder in der Gruppe sind denn auch ein wichtiger Bestandteil seiner Veranstaltungen zum Wandel.

Mitgefühl für die Erde

Bei solchen Übungen erzählt man einem fremden Menschen von den Lieblingslandschaften der Kindheit oder in welchen Momenten man sich so richtig lebendig fühlt. Oder man wird mit verbundenen Augen durch die Natur geführt. Immer wieder erlebe er, wie viel dies auslösen könne, sagt Egger.

Viele der Übungen stammen von der amerikanischen Ökopsychologin Joanna Macy, zum Beispiel aus ihrem Buch «Die Reise ins lebendige Leben». Die 89-jährige Macy ist überzeugt: Um den Umgang mit der Umwelt zu verändern, müssen die Menschen Mitgefühl für die Erde empfinden, und das funktioniert nur, wenn man Emotionen weckt.

Egger selber meditiert und betet täglich. Katholisch aufgewachsen, konvertierte er mit 32 Jahren zum orthodoxen Glauben. Doch konfessionelle Fragen interessieren ihn nicht. «Ich bin einfach Christ und offen gegenüber allen Religionen.» Der Ökotheologe vertritt entschieden die These, dass Spiritualität beim Versuch helfen kann, bescheidener und solidarischer zu leben. Er spricht von einer Wechselwirkung: «Das Bemühen um einen Wandel kann den christlichen Glauben erneuern.» Christa Amstutz

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