Die grosse Frage nach dem DANACH

11.06.2020
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Michel Egger arbeitet bei Brot für alle als Fachperson für Innere Transition
und leitet das Atelier für inneren Wandel 

Das Coronavirus als Warnung

Auch wenn es noch lange dauern kann, besteht kein Zweifel, dass die Pandemie irgendeinmal eingedämmt wird. Doch jenseits von notwendigen Vorkehrungen für Hygiene sowie Hilfsmassnahmen und Prävention, stellt sich die grosse Frage nach dem Danach. Ist die Corona-Krise bloss ein schmerzhaftes Intermezzo, nach dem die Konsummaschinerie neu startet und die Erde weiter überhitzt? Oder ermöglicht sie die Beschleunigung des Wandels hin zu postfossilen Gesellschaften, welche die Grenzen der Biosphäre, globale Gerechtigkeit und die Rechte künftiger Generationen respektieren?

Aufgrund der Trägheiten des Systems und der aktuellen Kräfteverhältnisse ist ein «Zurück zur alten Normalität» leider alles andere als ausgeschlossen. Gleichzeitig wäre es aber unverantwortlich. «Dass es ‘so weiter’ geht, ist die Katastrophe», schrieb der Philosoph Walter Benjamin. Denn das Coronavirus ist nichts anderes als eine Warnung vor noch schlimmeren und irreversiblen Schäden, die uns erwarten, wenn wir nicht schnell die notwendigen Massnahmen gegen die Klimaerhitzung, das Artensterben und die explodierenden Ungleichheiten ergreifen.

Veränderung des Bewusstseins

Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Vor einem radikalen Entscheid zwischen Leben und Tod, zwischen «dem Abgrund» und «der Metamorphose», wie der Soziologe Edgar Morin schreibt. Sich verwandeln bedeutet, das Alte, das zum Tod führt, sterben zu lassen, um wiedergeboren zu werden in der aufkommenden Erneuerung und für das, was zum Leben erweckt. Die Herausforderung besteht jedoch nicht nur darin, ein System umzubauen, das uns an die Wand fährt. Es geht darum, einen echten Paradigmenwechsel herbeizuführen. Eine Transition im strengen Sinn der lateinischen Bedeutung von «trans-ire»: über-schreiten.

Hierzu braucht es einen Bewusstseinswandel. Es geht darum, auf das zu hören, was uns diese historische Krise zu sagen hat. Wir müssen an ihre Wurzeln gehen und unsere Lebensweisen, die dominierenden sozio-ökonomischen Strukturen sowie die Prinzipien und Werte, die ihnen zugrunde liegen, hinterfragen. Das Coronavirus ist ein starker Indikator. Erstens durch seine Symptome: Es löst Fieber aus und tötet durch Ersticken. Das Symbol für ein System, das durch seine Wachstums-Obsession, seine Masslosigkeit beim Konsum und seine Profitgier ohne Ende den Planteten aufheizt und vergiftet. Dann aufgrund seiner Herkunft: Covid-19 kommt von Tieren, die auf abscheuliche Art misshandelt werden. Seine Entwicklung ist untrennbar mit den Störungen des Klimas und der Ökosysteme verbunden. Das Zeichen unserer zerstörerischen Beziehung zur Natur. Schliesslich durch seine Verbreitung und seine Auswirkungen: Es ist beeindruckend zu beobachten, wie ein mikroskopisch kleines Virus die Welt zum Stillstand und die Wirtschaft zu Boden bringen kann. Der Ausdruck der Verwundbarkeit eines globalisierten Systems, dessen Vernetzung gleichzeitig seine Stärke und Schwäche ist.

Der Zukunft neuen Zauber verleihen

Wir sind also gefordert, dem allem auf den Grund zu gehen, um zu verstehen. Gleichzeitig müssen wir aber unsere Vorstellungskraft, die Vision, den Blick verändern. Um mit Staunen, Bescheidenheit und Kreativität neu zu entdecken, was uns Covid-19 im Negativen in Erinnerung ruft: Alles Lebende ist eins; die Erde ist kein Vorrat an Ressourcen, sondern die Quelle des Lebens; der Mensch ist nicht der allmächtige Meister über die Natur; es ist absurd, vor lauter Arbeiten den Sinn des Lebens zu verlieren; das Glück ist weniger im Konsum von Waren als in wertvollen Beziehungen zu finden; Widerstandskraft findet man nicht im «Krieg», sondern in der Kooperation und gegenseitigen Hilfe.

Diese Vision ist nicht bloss eine utopische Abstraktion. Sie ist seit vielen Jahren die Seele der sogenannten Transitions-Bewegung, die weltweit an Schwung zulegt. In der Schweiz und anderswo vervielfachen sich die virtuellen Begegnungen. Menschen treffen sich, um Gefühle wie Angst zu überwinden, um nach einem Sinn zu suchen und sich vor allem gemeinsam vorzustellen, wie ein nachhaltiges, solidarisches und gerechtes Danach aussehen könnte. Sie träumen und erfinden neue Geschichten, die den Wunsch nach Leben und Engagement nähren, wie unzählige Samen, die der Zukunft einen neuen Zauber verleihen. Ein Morgen, das umso möglicher erscheint, weil es teilweise bereits existiert. In den unzähligen Alternativen, die auf lokaler Ebene in allen Bereichen gedeihen.

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