Der sparwütige Höhlenmensch

04.08.2020
SL

Silva Lieberherr arbeitet bei Brot für alle
als Fachperson Landwirtschaft und Landrechte

Konzerngewinne auf Kosten der Armen

Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Vorfahren hätte vor 200’000 Jahren angefangen zu sparen. Er lebte als einer der ersten Menschen der Gattung Homo sapiens in einer Höhle, als Mammuts, Säbelzahntiger und Höhlenlöwen noch die Welt bevölkerten. Wenn Ihr Vorfahre damals Tag für Tag 100 Franken beiseite gelegt hätte – was nicht wenig ist und pro Monat immerhin über 3000 Franken ergibt – und seither jeweils einer seiner Nachfahren wiederum Tag für Tag 100 Franken gespart hätte, würden Sie heute 7.3 Milliarden Franken besitzen. Das ist die Summe Geld, die Nestlé allein dieses Jahr seinen Aktionärinnen und Aktionären als Gewinne ausbezahlt hat.[1]

Hätten Ihre Vorfahren 400’000 Jahre früher angefangen, also mehrere Hunderttausend Jahre vor dem ersten Homo sapiens, besässen Sie heute 22 Milliarden Franken. Dies ist die Summe, die Jeff Bezos, Gründer des Onlinehändlers Amazon, allein während der Corona-Krise zu seinen bisherigen Milliarden DAZU verdiente.

Solche Höhlenmenschen-Berechnungen sind natürlich eine reine Gedankenspielerei. Sie helfen aber, eine Vorstellung zu vermitteln, wie viel eine Milliarde ist und wie viel Milliardäre besitzen.

Geld fällt nicht vom Himmel

Das Geld, das Nestlé verteilt und Jeff Bezos besitzt, fehlt anderswo. Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé verteilte seine 7.3 Milliarden Franken vornehmlich an bereits Vermögende. Mit einem etwas geringeren Betrag[2] stellt das Welternährungsprogramm der UNO jährlich über 15 Milliarden Rationen Nahrung zur Verfügung – und macht noch vieles mehr. Angesichts der aktuell wachsenden Zahl von hungernden und mangelernährten Menschen sowie drohender Hungerkrisen wächst der Bedarf nach Nahrungsmittelhilfe. Mit den 7.3 Milliarden, die Nestlé als Dividenden zahlte, hätte das Budget des Welternährungsprogramms verdoppelt werden können.

Nestlé ist nicht alleine. Bayer-Monsanto zahlte dieses Jahr seinen Aktionärinnen und Aktionären 2.5 Milliarden, Cargill, die weltgrösste Agrarhandelsfirma 580 Millionen. Auch kleinere Konzerne teilten ihre Gewinne mit den Aktionären; so belief sich die Gesamtsumme der Dividenden der Palmöl- und Kautschukproduzent Socfin dieses Jahr auf 20 Millionen.

Diese Gewinne fallen jedoch nicht vom Himmel. Sie werden anderswo im Ernährungssystem abgeschöpft. Die Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Plantagen und in den Fabriken zum Beispiel, verdienen trotz ihrer gefährlichen Jobs sehr wenig. Dies – zusammen mit Landraub, Umweltzerstörung und der Ausbeutung von Tieren – ermöglicht die hohen Gewinne der Konzerne.

Umverteilen statt horten

Einige dieser Gewinne waren dieses Jahr sogar aussergewöhnlich hoch. Ausgerechnet jetzt, wo die Situation für Arbeiterinnen und Arbeiter immer prekärer und gefährlicher wird, wo die Leute auf Plantagen immer stärker mit Hunger zu kämpfen haben und die Versorgungsketten der großen Lebensmittelkonzerne, die schon immer gefährliche Orte für die Beschäftigten waren, zu Brennpunkten für Covid-19-Infektionen werden. Weltweit gab es tödliche Ausbrüche in Fleischfabriken, Häfen, Warenhäusern, Fischfabriken, Palmöl- und Früchteplantagen, Supermärkten – alles Orte, die diese Konzerne kontrollieren.

Sie werden trotzdem auch weiterhin von Corona profitieren: Viele Regierungen engagieren nun globale Beratungsfirmen wie McKinsey für die Rückkehr ihrer Volkswirtschaften aus dem Lockdown. Diese Firmen sind eng vernetzt mit den grossen Konzernen und werden zweifellos Einfluss darauf nehmen, wer bei den künftigen staatlichen Massnahmen bezüglich der Pandemie gewinnt, und wer verliert: Arbeiter oder Chefs, Bauernmärkte oder E-Commerce-Giganten, Fischer oder die Schleppnetzfischereiindustrie…

Wenn es also in den kommenden Monaten darum geht, wer die Krise bezahlen muss und wie die Staatsausgaben für die Lockdownmassnahmen beglichen werden können, sollten wir die Dividenden nicht vergessen. Sie zeigen, dass längst nicht alle unter der Krise leiden. Es gibt auch solche, die dabei – und daran – gut verdienen. Vor allem sollten wir uns auch immer wieder an den sparwütigen Höhlenmenschen erinnern. Er macht deutlich, dass wir das Geld umverteilen müssen. Denn jene, die es dringend brauchen, können nicht sparen und warten. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Wer kann es sich leisten, täglich 100 Franken auf die Seite zu legen? Soviel, wie ein Plantagenarbeiter in einem ganzen Monat verdient.

Dieser Blog ist inspiriert von: https://wrm.org.uy/articles-from-the-wrm-bulletin/section1/agro-imperialism-in-the-time-of-covid-19/

[1] Homo sapiens: homo sapiens ist vor ca 300’000 Jahren entstanden (https://www.britannica.com/story/just-how-old-is-homo-sapiens)
Berechnungen: https://ucmp.berkeley.edu/education/explorations/tours/geotime/guide/billion.html

[2] 2018 ungefähr 6.5 Milliarden CHF

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