Perspektiven

«Das perfekte Supermarktgemüse gibt es nicht ohne Pestizide, das müssen wir uns bewusst sein»

13.09.2019

Die Journalistin Bettina Dyttrich beobachtet seit über 15 Jahren die Entwicklungen in der Schweizer Landwirtschaft. Im Interview spricht sie über Herausforderungen, Chancen und die Rolle der Politik.

Blumige Alpweiden, weidende Kühe, frei herumlaufende Hühner. Viele haben ein sehr idyllisches Bild der Schweizer Landwirtschaft. Entspricht das noch Realität?

Bei den Kühen hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert. Nachdem bis in die 1990er-Jahre Stallhaltung als modern galt, können inzwischen wieder über 80 Prozent der Kühe auf die Weide – im internationalen Vergleich ist das sehr viel. Allerdings steigen immer mehr Bauern aus der Milchproduktion aus, weil die Milchpreise tief sind. Die verbleibenden bauen aus, und das gefährdet diese positive Entwicklung: Ab einer gewissen Grösse wird es sehr aufwendig, die Kühe auf die Weide zu lassen.  Hühner laufen hingegen nur noch selten frei auf dem Hof herum, sondern werden in grossen Hallen zu mehreren Tausenden gehalten – mit oder ohne Auslauf. Und Blumenwiesen gibt es noch in den Alpen, aber im Mittelland wegen der Überdüngung kaum noch. Weil viel Futter importiert wird, können in der Schweiz mehr Tiere gehalten werden als Futter wächst – mit der Folge, dass auch deutlich mehr Dünger anfällt und Ammoniak in die Luft gelangt. Das überdüngt auch wenig gedüngte Wiesen und hat Auswirkungen bis in die Wälder, wo Brombeeren und Brennnesseln zunehmend andere Pflanzen verdrängen. 

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen in der Schweizer Landwirtschaft?

Die wohl grösste Herausforderung ist global: Wie können Bäuerinnen und Bauern ökologischer produzieren und gleichzeitig davon leben? Saatgut-, Pestizid- und Landmaschinenkonzerne sowie Verarbeitungsbetriebe und Handel machen riesige Gewinne. Dazwischen eingeklemmt sind Bauern, Bäuerinnen und landwirtschaftliche Angestellte, die mit enormer Arbeitsbelastung, Tiefstlöhnen und fehlender Marktmacht kämpfen. Für die Landwirtschaft gilt das Arbeitsgesetz ja nicht. Landwirtschaftliche Angestellte arbeiten 55 Stunden und mehr in der Woche und verdienen als Ungelernte oft nur etwa 3200 Franken. 
Eine ökologische Produktion steigert den Arbeitsaufwand zusätzlich. Wollen wir ökologischere Lebensmittel, kommen wir deshalb um höhere Preise nicht herum. Und wir brauchen neue Lebensmittelstandards – das perfekte Supermarktgemüse gibt es nicht ohne Pestizide, das müssen wir uns bewusst sein. Und nicht zuletzt muss der Fleischkonsum radikal sinken, in der Schweiz und weltweit. Wir importieren jährlich über eine Million Tonnen Tierfutter und beanspruchen damit Unmengen Ackerland im Ausland, das der menschlichen Ernährung dienen sollte. Gleichzeitig leiden hierzulande Biodiversität und Wasserqualität unter der Überdüngung.
Wir sollten vor allem die Schweine- und Hühnerbestände radikal reduzieren. Denn Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen kann man in Gebieten weiden lassen, wo Menschen keine Nahrung anbauen können, etwa in den Bergen, Halbwüsten und Steppen. Futter für Schweine und Hühner steht aber in direkter Konkurrenz zum Lebensmittelanbau. Eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick kommt zum Schluss, dass Biolandbau die Welt problemlos ernähren kann, wenn die Menschen viel weniger Hühner und Schweine halten – und wenn sie die Lebensmittelverschwendung eindämmen.  

Derzeit läuft die Vernehmlassung zur Agrarpolitik der Schweiz ab 2022. Ist hier ein Richtungswechsel in Sicht?

Ein Richtungswechsel ist kaum möglich, weil die Agrarpolitik sehr widersprüchlich ist. Sie soll seit Jahren ökologischer und gleichzeitig wettbewerbsfähiger werden. Doch das geht nicht zusammen. Deshalb gibt es eine Spaltung zwischen Betrieben, die auf Nischenprodukte, hohe Qualität und Ökologie setzen, und anderen, die versuchen, mit der globalen Massenproduktion mitzuhalten.
Für mich ist klar, dass hohe Qualität und Umweltschutz das Ziel sein müssen – für alle, nicht nur für eine Nische. Die Konzentration auf den Export ist absurd, denn wir können mit unserem Kostenumfeld, unserer Kleinräumigkeit und Topografie sowieso nicht mit EU-Betrieben mithalten – ausser bei einigen Hochpreisnischen wie Gruyère-Käse. Die Schweiz produziert nur rund die Hälfte der notwendigen Kalorien selbst. Warum sich also am Export orientieren?

Die Biolandwirtschaft macht in der Zwischenzeit 14 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus, Vertragslandwirtschaft und Gemüse-Abo direkt vom Hof boomen. Ist hier eine Trendwende in Sicht?

Auch hier sind die Trends widersprüchlich. Seit ich über das Thema schreibe, hat das Interesse an Landwirtschaft, Ökologie und Lebensmittelproduktion enorm zugenommen. Gleichzeitig sind aber auch Aldi und Lidl in die Schweiz gekommen – es gibt also auch den Trend zu billig.

Doch ich sehe viele ermutigende Beispiele von Gruppen, Genossenschaften und Einzelpersonen, die die Landwirtschaft verändern und wieder direkte Beziehungen zwischen Konsument/innen und Produzent/innen aufbauen. Eine Pionierin ist etwa die Genossenschaft Biofarm: Dank ihr gibt es Schweizer Raps, Hirse, Lein und Quinoa in Bioqualität. Auch die solidarische Landwirtschaft ist beliebt: Dabei verpflichten sich Konsument/innen, die Produkte eines oder mehrerer Höfe für mindestens eine Saison abzunehmen, zahlen im Voraus und helfen oft auch auf dem Feld mit. Da finden riesige Lernprozesse statt. Ein schönes Beispiel ist auch das Puschlav: Dort werden schon 96 Prozent der Fläche biologisch bewirtschaftet, und Restaurants kochen aus lokalen Produkten Menus, die sie mit einem Regionallabel vermarkten.

Diese Initiativen gehen eigentlich nie vom Staat aus. Bis in die 1980er-Jahre hat er den Biolandbau sogar aktiv behindert. Das Wichtige an diesen Initiativen ist, dass sie die Landwirtschaft als Lebensmittelproduzentin ernst nehmen und nicht auf Landschaftspflege reduzieren. Denn es geht nicht nur um Ökologie und Blumenwiesen, sondern auch um unsere Ernährung. 

Ist denn diese Art der Landwirtschaft überhaupt für alle bezahlbar?

Das ist eine sehr grosse Frage. Ein Anfang wäre es, Kostenwahrheit zu schaffen, so dass die umweltschädliche Produktion teurer wäre als die umweltschonende. Aber der Preis für ökologische Lebensmittel würde deshalb nicht sinken – das Essen ist sowieso extrem billig, wenn man den ganzen Aufwand einbezieht. Klar, ein Teil der Bevölkerung kann sich keine Bioprodukte leisten. Aber dieses Problem sollten wir politisch lösen, etwa mit besseren Löhnen in schlecht bezahlten Branchen, nicht mit Billigfood. Denn er macht einfach zu viel kaputt und geht auf Kosten armer Menschen in anderen Ländern.

 

Bettina Dyttrich,

geboren 1979, ist Journalistin, Buchautorin und Redaktorin der Wochenzeitung WOZ mit den Schwerpunkten Ökologie und Landwirtschaft. 2015 erschien ihr Buch «Gemeinsam auf dem Acker» über solidarische Landwirtschaft in der Schweiz.