Reportage - Dossier 3/2018

Das lange Warten

26.09.2018
 
Rund um die kongolesische Stadt Kolwezi baut der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore Kupfer und Kobalt ab. Die Bevölkerung leidet unter der Verschmutzung von Luft und Böden und hat ungenügenden Zugang zu Wasser. Eine bessere Sorgfaltsprüfung, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative vorsieht, tut dringend not.
 
Wohin man auch blickt, sie sind überall. An jeder Strassenecke liegen die knallgelben Plastikkanister, Kinder und Frauen tragen sie mit sich: an Seilen zusammengebunden und locker über die Schultern gehängt, solange sie leer sind, schwer wie Mühlsteine am gestreckten Arm, wenn sie gefüllt sind. So schafft niemand mehr als zwei Stück auf einmal. Ausser man knüpft sie an eines der Fahrräder, die abends das Strassenbild beherrschen. Denn irgendwann zwischen 15 und 19 Uhr fliesst für ungefähr zwei Stunden Wasser in der einzigen Leitung, die sich quer durch Musonoi zieht. Dann strömen die Frauen und Kinder zu den Zapfstellen, füllen die «Bidons» und die Velotransporteure machen ihr Geschäft: 500 kongolesische Francs kostet eine Fahrt, rund 30 Rappen. Wer das nicht hat, braucht Muskeln. Oder einen starken Nacken.
 
Dämmerung am helllichten Tag: Strassenstaub weht über einen Verkaufsstand in der Nähe der Glencore-Mine KCC.
Dämmerung am helllichten Tag: Strassenstaub weht über einen Verkaufsstand in der Nähe der Glencore-Mine KCC.
 
Versprechen nicht eingelöst

50 000 Menschen leben in Musonoi, einem Quartier der Stadt Kolwezi im Südosten Kongos. Die Häuser stehen eng, auf drei Seiten eingeschlossen von der Kupfer- und Kobaltmine der Glencore-Tochter Kamoto Copper Company (KCC). Der Schweizer Rohstoffkonzern kontrolliert fast 30 Prozent der globalen Produktion von Kobalt, dessen Preis sich seit Anfang 2017 verdreifacht hat. Grund dafür sind der Boom der Elektromobilität und die Nachfrage nach starken Batterien, in denen Kobalt ein zentraler Bestandteil ist. Das blaue Erz beschert Glencore satte Profite und lässt Teslas und e-Bikes abgasfrei über die Strassen surren. Doch die Menschen in Musonoi sehen nichts vom Reichtum, der unter ihren Häusern liegt. «KCC tut zu wenig für uns», klagt Jean Kasongo, Leiter eines Bürgerkomitees, das von Afrewatch unterstützt wird, der Partnerorganisation von Brot für alle und Fastenopfer. Glencore habe versprochen, bis Ende 2017 für eine bessere Wasserversorgung zu sorgen. Doch geschehen sei nichts, KCC habe bloss auf der anderen Seite ihrer Konzession drei Wasserstationen gebaut.

Die Häuser in roten Flächen auf der Karte Musonois haben keinen Zugang zu Wasser.

Hohe Feinstaubbelastung

Für Berthe Mapala bedeutet dies jeden Tag drei bis vier Stunden Arbeit. Die Mutter von acht Kindern braucht für ihre Familie mindestens zehn Bidons, die sie abfüllen und nach Hause tragen muss. Denn die Kosten für den Velotransport kann sie sich nicht immer leisten. Das gehe vielen so im Quartier, erklärt Jean Kasongo, rund 80 Prozent aller Häuser haben keinen direkten Zugang zu Wasser.
«In der Trockenzeit erkranken viele Menschen an Husten und Bronchitis.»
Véronique Kakoma-Mwika
Wasser ist indessen nicht die einzige Sorge in Musonoi. Immer wieder weht der Wind Staubwolken von den Abräumhalden über Häuser und Gärten. Schlimmer noch sind die  ungeteerten Strassen, über die Tag für Tag Hunderte von Lastwagen von und zu den Minen rumpeln. Schwaden aus feinem rotem Staub verdunkeln die Sicht, legen sich über Häuser, Bäume und Pflanzen – und dringen in die Lungen der Menschen ein. «In der Trockenzeit erkranken viele Menschen an Husten und Bronchitis», sagt die Krankenschwester Véronique Kakoma-Mwika (siehe Kasten rechts).
 
Das erstaunt nicht: Messungen von Brot für alle und Fastenopfer ergaben Feinstaubbelastungen von bis zu 500 Mikrogramm pro Kubikmeter, das 20-Fache des Tagesmittel-Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation WHO. «Wir baten KCC schon oft, die Strassen zu asphaltieren», sagt Jean Kasongo, «ohne Erfolg». Die Leute von Glencore sagten jeweils, dies sei Sache des kongolesischen Staats, dem sie ja Steuern bezahlten. Und sie weisen darauf hin, dass sie Schulen, landwirtschaftliche Kooperativen und Berufsbildungsstätten  unterstützten. Das trifft zu. Doch auf die wahren Bedürfnisse in Musonoi geht das Unternehmen nicht ein, wohl weil diese viel stärker ins Geld gingen: Zugang zu Wasser und ein Ende der Staubbelastung.
 
 
Jeden Tag drei Stunden Arbeit: Berthe Mapala leidet unter der schlechten Wasserversorgung.

Bessere Sorgfaltsprüfung
 
Zudem verschmutzen Abwässer aus der Glencore-Mine immer wieder Flüsse und Böden. Zwischen 2012 und 2014 flossen Schwermetalle in den Fluss Luilu, im Dezember 2017 kam es in Musonoi zu einem Schlammeinbruch, und erst im Februar dieses Jahres verschmutzte ein Leck in der Mine Böden und Gärten von über 400 Haushalten in Luilu. Glencore zahlt zwar Entschädigungen, doch die wiederkehrenden Lecks und die Dauerprobleme mit Staub und Wasser zeigen, dass der Konzern zu wenig tut, um die Bevölkerung effektiv zu schützen. Genau hier würde die Pflicht zu einer umfassenden Sorgfaltsprüfung greifen, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative vorsieht. Sie würde Glencore verpflichten, die Risiken besser zu analysieren, Massnahmen dagegen zu treffen und transparent zu berichten. Auch Emmanuel Umpala, Leiter von Afrewatch, setzt grosse Hoffnungen auf die Initiative: «Auf Staat und Unternehmen ist im Kongo kein Verlass. Die Schweizer Initiative kommt da genau richtig, denn sie kann den Menschen helfen, ihre Lage zu verbessern und zu ihrem Recht zu kommen.» — Lorenz Kummer, Kolwezi, Fotos: Meinrad Schade


Ein Tag im Leben von Véronique Kakoma-Mwika (37), Krankenschwester im  Gesundheitszentrum Unoja in Musonoi (DR Kongo)


«Es hat zu viel Staub in den Strassen»
 
«Ich stehe meist um fünf Uhr morgens auf, wasche mich und mache Hausarbeit: den Boden wischen oder Wäsche waschen. Frühstück brauche ich nicht. Kurz nach  sieben gehe ich los, ich benötige zu Fuss etwa 45 Minuten, gegen 8 Uhr beginne ich mit der Arbeit im Gesundheitszentrum Unoja. Das heisst «Einheit» auf Swahili.
 
Ich arbeite ohne Pause bis 17 Uhr, esse zwischendurch etwas Brot und ein paar Biscuits, trinke Wasser. Das macht mir nichts aus, denn ich mache meine Arbeit gerne. Wir sind drei Krankenschwestern, dazu kommen ein Arzt und zwei Laborantinnen. Bezahlt werden wir von der Kirchgemeinde St. Jean, die anderen Krankenstationen in Musonoi sind auch privat, der Staat tut nichts hier.
 
Wir behandeln etwa 15 Personen pro Tag. Eine Konsultation kostet 3000 Francs (zwei Schweizer Franken), beim Arzt drei Franken. Viele Frauen leiden unter Blasen- und Harnwegentzündungen, das kommt vom schlechten Wasser. Selbst im Spital haben wir kein Wasser, wir müssen es draussen an den dreckigen Zapfstellen holen. Husten und Erkrankungen der Atemwege sind auch häufig, vor allem in der Trockenzeit. Da
hat es viel zu viel Staub in den Strassen von den Lastwagen der Mine. Und wenn es regnet, ist alles voller Schlamm. Ich arbeite zweimal am Tag, dann zweimal am Abend, dann habe ich zwei Tage frei.
 
Ferien? Die gibt es bei uns nur auf Anfrage. Wenn ich am Tag arbeite, bin ich etwa um 18 Uhr zu Hause. Dann beginne ich mit dem Kochen. Ich bin nicht verheiratet und lebe zusammen mit meiner Mutter, zwei jüngeren Brüdern und meiner kleinen Schwester. Wir sind zehn Geschwister, die anderen sind schon verheiratet. Zum Abendessen gibt es fast immer Foufou (Maiskugeln). Dazu koche ich Maniokblätter oder Bohnen, manchmal gibt es Fisch und Reis. Nach dem Essen lese ich ein wenig, meist wissenschaftliche Bücher oder in der Bibel. Manchmal treffe ich noch ein paar Freunde im Quartier. Dann gehe ich zu Bett und bete. Danach kann ich gut einschlafen.» — lkr