Das Kongo Tribunal im Schauspielhaus

23.10.2020
nina_quadrat

Nina Burri arbeitet bei Brot für alle als Fachperson Unternehmen und Menschenrechte.

Ein Theatertribunal ist kein Ersatz für echte Justiz – hilft aber trotzdem

Am 25. Oktober inszenierten der bekannte Theaterregisseur Milo Rau und sein Team im Schauspielhaus Zürich eine Anhörung zum sogenannten Kongo Tribunal. Das Tribunal beleuchtet die Verantwortung des Rohstoffmultis Glencore in der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Obschon das Tribunal in einem Theater stattfand, traten keine SchauspielerInnen auf, sondern Zeuginnen und Zeugen sowie Expertinnen und Experten, die von ihren Erfahrungen berichteten. Was aber nützt ein solches Tribunal der betroffenen Zivilgesellschaft‘?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Equipe von Milo Rau eine fiktive Verhandlung inszeniert. Das erste Kongo Tribunal fand bereits 2015 statt. Daraus entstand ein Dokumentarfilm, der in Kinosälen rund um den Globus gezeigt wurde. Die ungelösten Konflikte der DRK fanden dadurch weltweite Aufmerksamkeit. Mehr noch: Das fiktive Tribunal zeitigte echte Konsequenzen vor Ort. So wurde ein Minister nach seinem tölpelhaften Auftritt an der Verhandlung gar entlassen. Und auch weitere Veränderungen kamen – wenn auch langsam – in Gang.

Dies zeigt: Kunst kann ein Katalysator für Veränderung sein und bei der Verarbeitung helfen. Das erkannten auch Forscher der Vergangenheits- und Konfliktbewältigung. So wurden in den letzten Jahren verschiedenste Arten von Foren wie Wahrheits- und Versöhnungskommissionen oder nationale und internationale Straftribunale geschaffen, wo Opfer gravierender Menschenrechtsverletzungen ihre Stimme erheben konnten. In manchen Konflikten aber, wo die realen Machtverhältnisse solche Schritte noch nicht zuliessen, half es Opfern auch bereits, wenn ein lokaler Komiker oder eine Theatertruppe Dinge ansprechen konnte, die in der Politik noch tabu waren. Solche Kunst-Foren können daher, neben der juristischen Wahrheitsfindung, auch für die persönliche Traumabewältigung von Opfern und kollektiven Gemeinschaften eine entscheidende Rolle spielen.

Der jüngste Bericht von Brot für alle und Fastenopfer zeigt, wie schwierig es für Opfer von Menschenrechtsverletzungen im Kongo sein kann, zu ihrem Recht zu kommen. Auch hier können symbolische oder künstlerische Mittel Abhilfe bieten. Das Kongo Tribunal setzt genau dort an: Es bietet ein Forum, um verschiedene Perspektiven des Konflikts in der DRK zu beleuchten. Gleichzeitig zeigt es aber, wie nötig ein echter Zugang zum Recht und eine funktionierende Gerichtsbarkeit für eine nachhaltige Konfliktlösung sind.

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns dafür einsetzen, dass Opfer einen echten Zugang zu einer echten, fairen Justiz erhalten. So etwa mit einer Klagemöglichkeit in der Schweiz, wie es die Konzernverantwortlichkeitsinitiative vorsieht. Solange dies noch nicht Realität ist, hilft es aber, einen Raum zu haben, wo die Opfer gehört werden.

Die Veranstaltung vom 25. Oktober 2020 wurde auf der Facebook-Seite des IIPMs live übertragen, wo die Aufzeichnung weiterhin online verfügbar ist.

Ihre Spende ist wichtig

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!