«Corona» bringt Missstände an den Tag

12.08.2020
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Gabriela Neuhaus arbeitet als Redaktorin
des Magazins Perspektiven bei Brot für alle

Risikovermeidung durch saubere Lieferketten

Beim ersten Lesen erstaunt die Nachricht aus der Finanzwelt: Der US-amerikanische Vermögensverwalter Columbia Threadneedle Investments – einer der ganz Grossen der Branche – begrüsst die Schweizer Konzernverantwortungsinitiative. «Für die Anleger sind Unternehmen, deren Tochterfirmen und Lieferanten die Menschenrechte, soziale Rechte und den Umweltschutz verletzen, ein Risiko», begründet Portfoliomanager Andrea Carnaza seinen Ruf nach staatlicher Regulierung der Lieferketten von global tätigen Unternehmen. Wo Zulieferer aus verschiedenen Regionen mit ungleichen Arbeits- und Lebensbedingungen beteiligt seien, könnten laxe Geschäftspraktiken mit Fokus auf Kostensenkung schnell Einzug in Lieferketten halten, führt der Vermögensverwalter weiter aus. Deshalb brauche es Gesetze zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.

Wie recht er hat, zeigt sich in der Corona-Krise noch deutlicher als sonst. Etwa in der Textilindustrie, wo in einer ersten Phase Hunderttausende von Arbeiterinnen und Arbeitern plötzlich ohne Einkommen auf der Strasse landeten, weil die internationalen Labels ihre Bestellungen fürs Frühjahr 2020 storniert hatten. Als die Produktion dann wieder aufgenommen wurde, hatten die Textilarbeiterinnen wiederum keine Wahl: Trotz fehlender Schutzmassnahmen mussten sie zurück in die Fabriken, um nicht zu verhungern…

Überall dort, wo die Menschen für einen Hungerlohn arbeiten und keine Ersparnisse für Notzeiten zurücklegen können, hat der Ausbruch der Covid19-Pandemie gravierende Auswirkungen. So zum Beispiel für die Teppichknüpferinnen in Pakistan.

Freiwilligkeit reicht nicht

Die Krise zeige einmal mehr, wie wichtig der Kampf um existenzsichernde Löhne und eine Absicherung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sei, sagt etwa Tanveer Jahan. Sie ist Koordinatorin von Label STEP, der Organisation die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Teppichproduktion engagiert und bringt es auf den Punkt: «Unsere Branche hat für die Folgen der Covid19-Krise die richtige Metapher: Viel zu lange wurde viel zu viel unter den Teppich gekehrt – jetzt ist es an der Zeit, dass man ihn hebt.»

In allzu vielen Branchen sind prekäre Arbeitsbedingungen Teil des Geschäftsmodells. So zeigt etwa ein Bericht der Deutschen Regierung, dass trotz einem Aktionsplan zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen bei Zulieferern gerade mal jede fünfte der befragten Firmen die von ihnen versprochenen Sorgfaltspflichten eingehalten hat.

Dies zeigt klar: Freiwilligkeit reicht nicht. Deshalb steht in Deutschland nun die Verabschiedung eines Lieferketten-Gesetzes zur Debatte. Unternehmen mit Sitz in Deutschland sollen dazu verpflichtet werden, menschenrechtliche Risiken bei ihren Zulieferern zu ermitteln. Dazu gehören etwa Zwangs- und Kinderarbeit, Diskriminierung, Gewerkschaftsverbot, mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz, unzureichende Löhne, zu lange Arbeitszeiten oder Gefährdung der örtlichen Bevölkerung im Umkreis von Bergwerken und Plantagen.

Das Lieferketten-Gesetz in Deutschland sei, wie die Konzernverantwortungsinitiative (KVI), ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Portfoliomanager Andrea Carzana von Columbia Threadneedle Investments. Dies nicht zuletzt, weil eine für alle verbindliche Gesetzgebung die Wettbewerbsnachteile für jene, die sich um eine saubere Lieferkette bemühen, aus der Welt räumt. Mit dieser Argumentation unterstützt etwa Nestlé Deutschland die Vorstösse der Regierung für ein Lieferkettengesetz, während sich der Mutter-Konzern mit Sitz in Vevey bis anhin nicht hinter die KVI stellen mochte. Wer weiss – vielleicht tut er es noch, bis zum Abstimmungstermin im November.

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