Medienmitteilung

Computerindustrie: „Business as usual“ nach Selbstmordserie

12.10.2010

Illegale Überstunden, militärisches Management, Ausbeutung und Demütigungen: Die Arbeitsbedingungen beim weltweit grössten Elektronikzulieferer Foxconn haben sich nach der Suizidwelle nicht verbessert. Dies zeigt eine Studie von Sacom, einer Partnerorganisation von Brot für alle. Mitverantwortung tragen grosse Elektronikmarken wie Apple, Dell, Nokia, Sony und Motorola.

„Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sind illegal und unethisch“ – diesen Schluss zieht die chinesischen Organisation Students and Scolars Against Corporate Misbehaviour (SACOM) in ihrer heute veröffentlichten Studie Workers as Machines: Foxconn’s Military Management. Basierend auf 100 Interviews, die SACOM-Vertreter/innen mit Mitarbeitenden von Foxconn geführt haben, beschreibt sie die Arbeitsbedingungen in drei Foxconn-Produktionsbetrieben in Shenzhen und Hangzhou. 

Als weltweit grösster Zulieferer für die Elektronikindustrie beschäftigt Foxconn alleine in China rund 900’000 Mitarbeitende. Trotz des ständigen Preiskampfs und fallender Margen verzeichnet der Konzern seit Jahren wachsende Gewinne. Möglich ist dies nur, indem der Konzern den Druck seiner Abnehmer an die Mitarbeitenden weitergibt – in Form von immer höherer Arbeitsbelastung, rigider Disziplin und tiefen Löhnen.

Als Folge dieser Produktionsbedingungen sah sich der Konzern zwischen Januar und August 2010 mit dem Selbstmord von 14 jungen Mitarbeitenden konfrontiert. Versprechungen zur Verbesserung der Zustände durch CEO Terry Gou Tai Ming wurden bislang nicht eingelöst.

Lohnerhöhung  nur Augenwischerei

Nach dem öffentlichen Aufschrei im Zuge der Selbstmordwelle erhöhte Foxconn im Juni 2010 den Grundlohn seiner Fliessbandarbeiter/innen von 900 auf 1200 Yuan monatlich (dies ist nur ein Bruchteil mehr als der im Juli 2010 für die Region Shenzhen gesetzlich neu festgelegten Minimallohn). Eine weitere Lohnerhöhung wurde auf 2000 Yuan wurde für den 1. Oktober 2010 angekündigt, wofür die Mitarbeitenden jedoch eine Assessment hätten ablegen müssen.

Bis Ende September waren diese jedoch nicht über die mögliche Lohnerhöhung informiert worden. Es ist daher zu befürchten, dass es sich dabei nur um leere Versprechungen handelte. Laut SACOM müsste der Grundlohn für Angestellte in der Elektronikindustrie zwischen1684 und 2239 Yuan betragen, abhängig von den Lebenskosten in der jeweiligen Region. 

Unbezahlte Überstunden

Nach den Selbstmorden kündigte Foxconn auch die Limitierung von Überstunden auf 80 Stunden pro Monat an. Damit liegt der Konzern immer noch weit über dem gesetzlichen Maximum von 36 Stunden. Die von SACOM befragten Mitarbeitenden gaben an, dass mit der neuen „Überstundenkontrolle“  lediglich eine Verfälschung der effektiven Überzeit stattgefunden habe: Diese habe nicht abgenommen, doch werde sie nicht mehr registriert und entsprechend auch nicht mehr entlöhnt. 

Hinzu kommen zahlreiche unfreiwillige Überstunden: Die Teilnahme an Mitarbeitendenversammlungen vor Arbeitsbeginn und bei Schichtende sowie bei wöchentlichen Versammlungen, bei denen das Management Produktionsquoten, Arbeitsziele und Disziplin verliest, sind zwingend, gelten jedoch nicht als Arbeitszeit. Dies, obwohl sie mehr als eine Stunde täglich ausmachen. Unter dem Strich verdienen die Mitarbeitenden also nicht mehr als vor der Lohnerhöhung im Juni 2010. 

Militärische Management-Methoden

Vom ersten Tag der Rekrutierung an herrscht bei Foxconn eine Kultur des absoluten Gehorsams. Mitarbeitende werden für alle möglichen „Fehlverhalten“ bestraft wie etwa das Nichterreichen gesetzter Tagesproduktionsziele, Fehler bei der Montage oder zu lange Toilettenpause. Als Disziplinarmassnahmen werden ihnen Bonuspunkte entzogen oder sie werden öffentlich zu „Geständnissen“ gezwungen und dabei vor der versammelten Belegschaft beschimpft und gedemütigt. Ausserdem kommt es regelmässig zu verbalen und physischen Bedrohungen durch interne Sicherheitskräfte. Selbst in der Freizeit unterliegen die Mitarbeitenden der Firmendisziplin: Strikte Vorschriften regeln ihr Privatleben bis ins Lächerliche wie etwa das Haartrocknerverbot für Frauen.  

„Foxconn hat die Selbstmorde als Folge von ‚persönlichen Problemen’ der Opfer abgetan und damit den Vorwurf von Management-Problemen klar zurückgewiesen. Indem das Unternehmen keine unabhängigen Gewerkschaften erlaubt, verunmöglicht es den Mitarbeitenden, ihre Rechte wahrzunehmen und sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen“, sagt Debby Chan von SACOM. Gemeinsam mit Brot für alle fordert SACOM, dass die Mitarbeitenden hinsichtlich ihrer Rechte geschult werden und Gewerkschaften demokratisch gewählt werden. 

Spardruck führt zu Verlagerung von 300’000 Arbeitsstellen

Zurzeit beschäftigt Foxconn rund 900’000 Menschen in China, davon 470’000 in Shenzhen. Im Anschluss an die Selbstmorde kündigte Foxconn die Produktionsverlegung von 300’000 Arbeitsplätzen nach Zentral-, West- und Nordchina an, wo Überfluss an potentiellen Arbeitskräften besteht und die Löhne tiefer sind als in den Küstengebieten. Bislang wurden die Angestellten nicht über die Details dieser Umzugspläne informiert. Klar ist jedoch, dass sie keine andere Wahl haben, als ihrem Arbeitgeber zu folgen und damit erneute Lohneinbussen zu akzeptieren oder ihre Kündigung entgegenzunehmen.

„Foxconn sucht nach immer neuen Möglichkeiten, die Löhne der Mitarbeitenden zu kürzen. Dies ist das Resultat des permanenten Drucks der grossen Elektronikmarken, immer billiger zu produzieren“, sagt Chantal Peyer, Verantwortliche für die Kampagne „High Tech – No Rights“ bei Brot für alle. „Marken wie Apple haben Profitmargen von über 40 Prozent. Doch sie sind es, die ihre Zulieferer mit einer maximalen Marge von 4 Prozent ständig unter Druck setzen, die Produktionskosten zu senken.“

Einstellung von unfreiwilligen „Praktikant/innen“

Die Umfrage von SACOM hat weiter ergeben, dass 30-40 Prozent der Arbeitskräfte in den untersuchten Fabriken studierende „Paraktikant/innen“ sind. Im Juni 2010 arbeiteten rund 100’000 Studierende in den beiden Produktionsbetrieben in Shenzhen. Laut Regierungsvorgaben müssen Praktikastellen für Studierende in Zusammenhang stehen mit ihrem Studienfach und ihren Lernzielen und die Arbeitszeit von acht Stunden nicht überschreiten. De facto werden sie bei Foxconn wie gewöhnliche Fliessbandarbeiter/innen angestellt und leisten dieselben Überstunden. Besonders brisant ist dies, weil Studierende nicht freiwillig in den Betrieben arbeiten, sondern von ihren Schulen platziert werden. 

Firmen wie Apple und Dell müssen Verantwortung übernehmen

„Die Elektronikindustrie muss anerkennen, dass die Probleme bei Foxconn kein Einzelfall sind, sondern die Spitze des Eisbergs bezüglich der Arbeitsbedingungen in der globalen Zuliefererkette der Elektronikindustrie“, sagt Pauline Overeem vom internationalen NGO-Netzwerks GoodElectronics. 

Dies bestätigt auch Chantal Peyer von Brot für alle: „Foxconn produziert in Indien, Tschechien, Mexiko und weiteren Ländern für alle grossen Elektronikmarken, wie seine Konkurrenz. Deshalb müssen Markenfirmen und Zulieferer gemeinsam die Verantwortung für die Verletzung von Arbeitsrechten übernehmen und dagegen vorgehen. Wir erwarten, dass die Brachenvereinigungen ‚Electronic Industry Citizenship Coalition’ (EICC) und ‚Global e-Sustainability Initiative’ (GeSI) dabei eine Führungsrolle wahrnehmen. Einer der zentralen Schritte für die Einhaltung der Arbeitsrechte ist die Garantie der Vereinigungs- und der kollektiven Verhandlungsfreiheit.“ Brot für alle setzt sich zusammen mit Fastenopfer im Rahmen der Kampagne „High Tech – No Rights?“ seit 2007 für faire Arbeitsbedingungen in der Computerproduktion ein.

Medienmitteilung, 12. Oktober 2010

Weitere Informationen 

Chantal Peyer, Verantwortliche für die Kampagne „High Tech – No Rights“, Brot für alle 
021 614 77 10 / E-Mail