Wachsende Gräben überwinden

22.07.2021
PS_Blog

Pascale Schnyder arbeitet bei Brot für alle als Verantwortliche für die KlimaGespräche in der Deutschschweiz

Wir müssen reden!

Auch wenn es inzwischen ein paar Wochen her ist seit dem Abstimmungssonntag zu den beiden Landwirtschaftsinitiativen und dem CO2-Gesetz, sitzt mir dieser Abstimmungskampf noch immer in den Knochen. Einerseits, weil es mich stark bedrückt, dass alle drei Abstimmungen von der Schweizer Bevölkerung abgelehnt wurden. Andererseits aber auch, weil dieser Abstimmungskampf mit derart viel Gehässigkeit, verbaler Gewalt und Polarisierung geführt wurde. Wenn Bäuerinnen und Bauern, die sich für die Trinkwasserinitiative aussprechen, wüste Beschimpfungen über sich und ihre Familien ergehen lassen müssen und sich abends nicht mehr aus dem Haus trauen, ist etwas ganz massiv aus dem Ruder gelaufen. Es ist aber genauso eine Entgleisung, Bäuerinnen und Bauern kollektiv als Giftmischerinnen und -mischer abzustempeln, ohne die Verantwortung all der anderen, die Gift einsetzen, verkaufen und bewerben, ebenfalls zur Sprache zu bringen.

Gefährliche Gräben

Diese Abstimmung hat deutlich gezeigt, dass die zunehmende Polarisierung niemandem nützt. Um die gewaltigen Probleme zu lösen, vor denen wir angesichts der rapiden Abnahme der Biodiversität und den zunehmenden und immer deutlicher spürbaren Auswirkungen der Klimaerwärmung stehen, braucht es uns alle. Konkret heisst das: Wir dürfen die Gräben nicht weiter vertiefen, sondern müssen aufeinander zugehen. Wir müssen lernen, miteinander zu reden. Und noch wichtiger: Wir müssen einander zuhören lernen. Denn niemand verändert seine Denkweise, wenn er sich von seinem Gegenüber in die Ecke gedrängt fühlt, wie die Kommunikationsforschung und die Psychologie deutlich zeigen. Vielmehr reagieren wir in solchen Fällen mit Wut, Aggression, Ablehnung – und halten noch stärker an unserer Meinung fest. Auch ändern die Wenigsten ihre Ansichten oder Verhaltensweisen, wenn sie mit Fakten konfrontiert werden. Eine Tatsache, an der die Klimawissenschafterinnen und -wissenschafter seit Jahren verzweifeln.

Verständnis und Wohlwollen

Mit den komplexen psychologischen Mechanismen, die hinter Denk- und Verhaltensänderungen stecken, haben sich Rosmarie Randall und Andy Brown auseinandergesetzt. Die beiden britischen Klimaaktiven – sie Psychotherapeutin, er Ingenieur – verzweifelten ebenfalls an der Tatsache, dass die meisten Menschen und Staaten einfach weitermachen wie bisher, obwohl die Fakten zum Klimawandel längst auf dem Tisch liegen. Ihre Antwort darauf war die Entwicklung der KlimaGespäche, die seit 2020 von Brot für alle und Fastenopfer auch in der Deutschschweiz aufgebaut werden.

Die KlimaGespräche bieten Menschen einen sicheren Raum, in dem sie sich im Austausch mit anderen mit ihren eigenen Widerständen und Widersprüchen auseinandersetzen und nach Lösungen für einen klimafreundlichen Lebensstil suchen können. Urteilsfreiheit, Verständnis und Wohlwollen werden dabei hochgehalten. Denn nur, wenn sich Menschen verstanden und akzeptiert fühlen, werden sie sich mit tief liegenden Gewohnheiten, Ängsten und Dilemmas auseinandersetzen. Dies jedoch ist die Voraussetzung für nachhaltige Veränderungen. Wir kennen das von selbst.

Vielleicht mögen sie jetzt einwenden, dass uns keine Zeit bleibt zum zu reden. Vielleicht haben sie recht. Und dennoch, davon bin ich überzeugt, führt nichts an diesem Weg vorbei. Wir müssen als Privatpersonen, Berufstätige, als Konsumierende, Vereinsmitglieder und Familienangehörige das Gespräch mit den Andersdenkenden und -handelnden in unserem Umfeld suchen. Etwa, indem wir ihnen Fragen stellen und ihnen erzählen, was uns umtreibt, ohne ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Oder indem wir mit unserem Beispiel zeigen, wie lustvoll und sinnvoll das Leben auch ohne grossen CO2-Fussabdruck ist. Oder auch, indem wir Alternativen schaffen zur vorherrschenden Marktwirtschaft, zum Individualismus und Konkurrenzdenken. Denn die Anziehungskraft des Wandels liegt nicht darin, das Alte zu bekämpfen, sondern vielmehr darin, das Neue zu schaffen.

PS: Falls auch Sie mehr Reden und Handeln möchten, die Daten zu den neuesten KlimaGesprächen finden Sie hier.

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