Sierra Leone: Enttäuschte Hoffnung

23.11.2020
Bildnachweis: Christian Bosshard/Brot für alle (Headerbild und Vorschaubild)
Joseph Saffa, Verantwortlicher für Monitoring bei Silnorf

Joseph Saffa ist Experte für Recht auf Nahrung und Landrechte in Sierra Leone.
Der ehemalige Forschungsbeauftragte von Silnorf ist Hauptautor des von Brot für alle
mitproduzierten Untersuchungsberichts über das Sunbird Bioenergy Mabilafu Projekt*

Investoren kommen und gehen –
die Menschen bleiben und leiden

Im Januar 2009 lancierte der Präsident von Sierra Leone ein ehrgeiziges 400 Millionen Euro-Projekt in einem der am stärksten benachteiligten Dörfer von Sierra Leone. Er bezeichnete das Projekt als sein Baby, als Beweis für die Fähigkeit seiner Regierung, wirtschaftliche Investoren anzuziehen. Angepriesen wurde es als das grösste landwirtschaftlich Projekt, das im Land je durchgeführt wurde.

Addax Bioenergy Sierra Leone (ABSL), eine in der Schweiz ansässige Tochtergesellschaft der Addax- und Oryx-Gruppe (AOG), hatte das Sierra-Leone-Projekt im Jahr 2008 initiiert. Das Unternehmen erwarb in der Region Makeni 10 000 Hektaren Boden von Landbesitzern, um von null auf ein integriertes Landwirtschaftsprojekt für erneuerbare Energien zu entwickeln. Dieses sollte Bioethanol für den Export in die EU sowie Strom für den Verkauf auf dem lokalen Markt in Sierra Leone produzieren. Das Projekt wurde teilweise von der AOG finanziert sowie von sieben europäischen und afrikanischen Entwicklungsbanken (DFI) unterstützt. Was als vielversprechendes Projekt angekündigt war, führte jedoch zu erheblichen Problemen.

Landgrabbing und Verdrängung

Schon beim Start des Projekts erhoben zivilgesellschaftliche Organisationen grosse Bedenken wegen Landgrabbings; die Ernährungssicherheit der Gemeinschaften sei gefährdet. Landbesitzer und Landnutzer wurden in den problematischen Verhandlungsprozessen stark unter Druck gesetzt, ihr Land ohne vorgängig frei gefasste Meinung aufzugeben. Dies, obschon das Recht auf informierte Zustimmung von verschiedenen UN-Organisationen anerkannt ist. Man überzeugte verletzliche, arme Gemeinschaften davon, dass sie mit der Übergabe ihres Landes an diesen neuen Investor aus der Armut herauskommen können. Ein hochfliegendes Versprechen, auf dessen Einlösung die Menschen vor Ort immer noch warten.

Bald merkten sie, dass dieser vermeintliche Retter ein Herzensbrecher ist. 2015 reduzierte ABSL seinen Betrieb in Makeni und machte dafür verschiedene Schwierigkeiten verantwortlich. Sie verkaufte 75 Prozent ihres an den neuen Eigentümer Sunbird Bioenergy. Die Entwicklungsbanken stiegen aus und bekamen ihr Geld zurück. Sie kümmerten sich nicht um die Bevölkerung; Massnahmen zur Eindämmung der negativen Auswirkungen, die die Ernährungssicherheit hätten garantieren sollen, scheiterten. Die Leidtragenden waren die lokalen Gemeinden. Sunbird nahm 2018 den Betrieb wieder auf, verkaufte aber seinerseits die Mehrheit seiner Anteile an einen weiteren Investor namens Brown Investment Plc. 

Wachsende Probleme

2020 geht es im gleichen Stil weiter. Während die Investoren all die Tauschgeschäfte und Unternehmenskäufe tätigen, bleiben die rechtmässigen Landbesitzer und -nutzer unerschütterlich vor Ort und müssen sich der Tatsache stellen, dass sie von ihrem Land enteignet wurden. Ihre Kämpfe gehen weiter, die Situation verschlimmert sich laufend: massive Arbeitsplatzverluste durch das Coronavirus, kein verfügbares Land mehr um Nahrungsmittel anzubauen, die wenigen noch verbliebenen landwirtschaftlichen Flächen werden durch Brände vernichtet, die Unternehmen kommunizieren kaum noch mit der Bevölkerung und die Probleme betreffend Ernährungsunsicherheit verschärfen sich. Am stärksten betroffen von all diesen Problemen sind die Frauen. Sie müssen für das Essen und andere Grundbedürfnisse ihrer Kinder und der Familie sorgen.

Fest steht, dass dieses grosse Landgeschäft für die Gemeinschaften keine nachhaltige Option ist. Während immer neue Investoren das Unternehmen kaufen, verschlimmert sich die Situation der Menschen, die auf diesem Land leben. Ein landwirtschaftliches Projekt, das Bioethanol für die EU produziert und gleichzeitig die Bevölkerung hungernd zurücklässt, ist keine nachhaltige Investition. Was es braucht, sind Investitionen in alternative landwirtschaftliche Methoden, um der Bevölkerung eine nachhaltige Existenzgrundlage zu sichern. Nicht das grösste landwirtschaftliche Projekt, das schliesslich nur dem Profit und nicht der Bevölkerung dient.

*Der Bericht über das ehemalige Addax-Projekt wurde von Silnorf und Brot für alle gemeinsam in Auftrag gegeben und am 19. November 2020 publiziert: «The owners change, grievances remain – Monitoring report: Sunbird Bioenergy Mabilafu Project (formerly Addax), Sierra Leone, September 2017 – August 2020»

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