Schweigen ist keine Option

19.11.2020
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Jan Tschannen arbeitet bei Brot für alle als Fachperson Bildung und Theologie

Menschenrechte gehören zum
Tagesgeschäft der Kirchen

Kirche und Politik gehörten getrennt, fordern dieser Tage lautstarke Parteipräsidenten und Wirtschaftsverbände. Dabei scheinen sie genau zu wissen, was die Kirchen zu tun und was zu lassen haben. Am liebsten sollen sie schweigen – und bestenfalls noch dort mitkrähen, wo es den Interessen der Kritisierenden dient. Doch so funktioniert Kirche nicht. Nicht jeder Windstoss bringt den Hahn zum Umschwenken.

Bischöfe in Südafrika, Ordensschwestern im Kongo und kirchliche Hilfswerke in der Schweiz, sie alle setzen sich Seite an Seite für die Wahrung der Menschenrechte, für die unveräusserliche Würde, die jedem Menschen zusteht, ein. In der letzten Dekade ist aus diesem langewährenden Engagement die Konzernverantwortungsinitiative entstanden. Und jetzt, wo sich die Kirche für den politischen Erfolg der Konzernverantwortungsinitiative einsetzt, wird plötzlich die Frage aufgeworfen, ob dieses Engagement denn auch tatsächlich legitim sei. Bitte keine Tagespolitik oder Ähnliches, heisst es. Dabei vergessen die eifrig Rufenden, dass Kirche in einem anderen Rhythmus funktioniert.

Langjähriges Engagement

Kirche richtet sich nach den langfristigen, grossen, essenziellen Fragen aus. Dies ist ihr Tagesgeschäft. Und wie könnte sie da die Menschenrechte für einmal plötzlich auslassen? Nachdem sich landauf, landab Gemeinden zum Menschenrechtstag am 10. Dezember zusammenfinden und dessen Anliegen gedenken – seit Jahrzehnten. Nachdem Christinnen und Christen aller Couleur mit der Frage des Umgangs mit vorgeburtlichen Leben ringen – seit Jahrzehnten. Nachdem Engagierte in Kirchgemeinden und Pfarreien gemeinsam mit kirchlichen Hilfswerken im Rahmen der Ökumenischen Kampagne jedes Jahr aufs Neue die Fragen der Rechte von unseren Mitmenschen im globalen Süden aufgreifen – seit Jahrzehnten.

Jetzt, da der politische Prozess der Konzernverantwortung mit der Volksabstimmung vom 29. November zu einem Kulminationspunkt kommt, soll die Kirche schweigen? Obwohl sie in Sachen Menschenrechte und Schutz der Umwelt schon seit Jahrzehnten immer wieder Stellung bezogen hat, was jedoch selten beachtet wurde. Jetzt, wo plötzlich einmal auf die Botschaft der Kirchen geschaut wird, nach Jahrzehnten, soll geschwiegen werden?

Es stört mich nicht, dass vielen nicht bewusst ist, was Kirchen bisher auch an Gutem und Wichtigem getan haben. Es stört mich nicht, dass viele nicht wissen, worauf die kirchliche Verkündigung und deren Auftrag beruhen. Und es stört mich auch nicht, dass viele nicht wissen, wie die Staatskirchen verfasst sind. Es macht mich aber traurig zu sehen, mit welcher Vehemenz – nun, da einmal Licht auf das kirchliche Engagement fällt – die politischen Gegner der Konzernverantwortungsinitiative die Kirchen angreifen.

Demokratische Prozesse

Die Staatskirchen sind demokratisch verfasst. Das heisst: wenn die Synoden, also Kirchenparlamente, sowie Kirchenräte oder Kirchgemeinderäte, beschliessen, ihre Haltung als Gremium Kund zu tun, so tun sie dies auf Grundlage ihrer demokratischen Verfassungen, aufgrund der Verantwortung, die sie durch die Annahme ihrer Wahl übernommen haben.

Die politischen Gegner der Konzernverantwortungsinitiative hingegen haben den kirchlichen Prozess zur Meinungsbildung in dieser Sache immer wieder auf undemokratische Art und Weise blockiert und hintertrieben. An vorderster Stelle jene, die die Kirche undemokratisch und autoritär schimpfen – egal ob Mitglieder, auf der Schwelle zum Austritt stehende oder bereits Ausgetretene. Mit Druckversuchen von Politikerinnen und Politikern und Wirtschaftsverbänden auf Kirchenleitungen, mit Drohungen einzelner, wurden klare Mehrheiten in Kirchgemeinderäten blockiert; durch Juristinnen und Anwälten, die als Einzelpersonen ein Schreiben an die Mitglieder der nationalen Synode verteilen wollten und immer wieder auch durch Äusserungen von Politikerinnen und Politikern, die mit Laizismus argumentierend den Kirchen Vorgaben machen – als ob die von ihnen eingeforderte Trennung von Kirche und Staat eine Einbahnstrasse sei.

Diese Reaktionen haben schliesslich dazu geführt, dass Kirchen landauf, landab ihren Mut zusammengenommen und gesagt haben: Auch wenn wir zunehmend kleiner werden, lassen wir uns den Mund nicht verbieten. Es waren auch Lobbyingversuche von Economiesuisse in einzelnen kirchlichen Gremien und Organisationen, die 2017 dazu geführt haben, dass sich kirchliche Stimmen zur Plattform «Kirche für Konzernverantwortung» zusammengeschlossen haben. Weil sie voraussahen, dass der Druck weiter zunehmen würde und es besser sei, gemeinsam aufzutreten.

Eine Selbstverständlichkeit

Das kirchliche Engagement für Menschenrechte entspringt nicht einem Moment oder einem Zeitgeist. Es ist fester Bestandteil von Liturgie und Kirchenjahr, es ist Ausdruck einer Kontinuität und Zeichen der Verfasstheit der Kirchen, ihrer Botschaft und ihres Glaubens. Darin muss sich nicht jede und jeder wiederfinden, aber alle dürfen sich am Ringen darum beteiligen. Im Rahmen der Verfasstheit unserer Kirchen und nach demokratischen Spielregeln.

Und diese haben gezeigt: Wer ja sagt zu Umwelt- und Menschenrechten, wer ja sagt zur Konzernverantwortungsinitiative, ist damit in der Kirche nie allein, denn für viele scheint es einfach eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Neben der Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, der Schweizerische Evangelischen Allianz, dem Verband Freikirchen Schweiz und der Schweizer Bischofskonferenz haben sich bis dato 16 reformierte Kantonalkirchen und 8 katholische Landeskirchen und Bistumsregionen für die Initiative und ihr Anliegen ausgesprochen. Ausserdem engagieren sich über 700 Gemeinden aktiv für die Konzernverantwortungsinitiative.

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