Realistische Utopien

29.07.2021
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Chantal Peyer arbeitet bei Brot für alle als Teamleiterin Ethisch Wirtschaften

Die Vorstellungskraft - eine politische Herausforderung!

Die Herausforderungen, die wir heute zu bewältigen haben, sind enorm. Für viele Kleinbetriebe, Gastronominnen und Gastronomen und Kulturschaffende hatte die globale Pandemie, die wir gerade durchlebten, schwerwiegende Folgen; wir müssen Antworten zum Klimanotstand und auf die Fragen der jüngeren Generationen finden, aber auch in Bezug auf die wachsenden sozialen Gräben. Angesichts all dieser Herausforderungen ist die Versuchung gross, in Schwarzmalerei zu verfallen oder alles zu leugnen.

Was den Klimawandel anbelangt, kennen wir die Fakten: Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssten wir die Emissionen von Treibhausgasen bis 2030 um 45 Prozent reduzieren. Wenn wir nichts unternehmen, könnte der Meeresspiegel bis zu einem Meter ansteigen und Regionen wie die Malediven oder die Marshallinseln und sogar Metropolen wie Amsterdam oder New York überfluten. Wenn wir nichts tun, droht in den nächsten hundert Jahren jede sechste Tierart auszusterben.

Realistische Utopien

Auf der Basis solch wissenschaftlich belegter Fakten sagen manche den Weltuntergang voraus. Viele relativieren, wollen nicht zuhören oder leugnen in einer Art Abwehrreflex sogar die Fakten. Wie wäre es aber, wenn wir versuchen würden, einen anderen Raum der Reflexion zu erkunden und gemeinsam zu erschaffen? Den Raum unserer Wünsche und Möglichkeiten?

Ich schreibe bewusst von Wünschen, denn es geht nicht bloss um einen einzigen Entwurf. Wir können uns die Zukunft auf vielfältige Art und Weise vorstellen und unterschiedliche realisierbare Möglichkeiten für eine Schweiz, wie wir sie gerne möchten, erdenken. Wichtig dabei ist das Wort realistisch. Es geht nicht darum, sich auf fantastische Utopien einzulassen.

Es geht nicht um die Vorstellung von Science-Fiction-Städten, in denen wir alle unsere gesellschaftlichen Herausforderungen mithilfe technokratischer Lösungen überwunden haben, in denen Menschen mit Bambus-Drohnen herumfliegen und ausgeklügelte Geräte unsere CO2-Emissionen absorbieren. Es geht auch nicht darum, alle Fragen der Macht, der Machtverhältnisse, der Ungleichheit und der Armut zu leugnen und zu behaupten, die Menschen hätten, wie durch einen Zauberstab angefangen, einander nur noch zu lieben oder sie seien ohne weitere Anstrengung vom masslosen Konsum zur glücklichen Nüchternheit übergegangen.

Neue Wege wagen

Es geht nicht um naive Fantasien, sondern darum, einen Raum der Freiheit zu schaffen, in dem wir uns die Zeit nehmen, anzuschauen, wie unsere Gesellschaft, unsere Umwelt aussehen könnte, wenn wir einige Veränderungen umsetzen würden. Es geht darum, realistisch und hartnäckig optimistisch zu sein, um die Macht über unsere Vorstellungskraft und über unser Leben zurückzugewinnen.

Viele Menschen streben nach anderen Lebensformen. Sie getrauen sich aber nicht, daran zu denken und daran zu glauben – aus Angst, naiv oder dumm zu wirken, aus Angst, dass es unrealistisch und unmöglich ist, aus Angst, enttäuscht zu werden oder zu versagen. Aus Angst davor, aus der Norm herauszutreten.

Wenn Sie aber plötzlich merken, dass Ihre Kollegin, Ihr Nachbar, die Person, die heute Abend neben Ihnen sitzt, sich genauso wie Sie eine Zukunft wünscht; wenn Sie merken, dass Sie mit diesem Wunsch nicht allein sind, sondern dass wir 100, 1000 oder 100 000 sind, wird dieser Wunsch nach einer lebenswerten Zukunft von der Utopie zur Notwendigkeit. Und eines Tages wird diese Zukunft zum neuen Standard des Möglichen. Letztlich ist der Umgang mit der Vorstellungskraft auch eine politische Herausforderung. Es geht um die Frage, wer in unserer Gesellschaft entscheidet, was realistisch ist und was nicht.

Zusammen mit dem Réseau Transition Suisse Romande laden wir von Brot für alle Sie dazu ein, sich das Recht, aber auch das Vergnügen wieder anzueignen, sich eine wünschenswerte Zukunft vorzustellen und selber zu entscheiden, was realistisch ist und was nicht.

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