Hunger und Mangelernährung

21.09.2021
gabriela

Gabriela Siegenthaler ist Religionswissenschaftlerin
und arbeitete als Hochschulpraktikantin bei Brot für alle

Kritischer Blick auf die Hunger-Zahlen

Wie viele Menschen leiden an Hunger? Wie werden diese Zahlen erhoben und was bedeuten sie konkret? In meinem Praktikumseinsatz bei Brot für alle hatte ich die Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen.

Was mich in meiner Recherchearbeit rund um den Hunger als erstes erstaunte, war die Aktualität des Themas: Seit 2014 steigen die Hunger-Zahlen wieder an. Die Gründe sind so vielfältig wie die Hunger-Statistiken selbst: Auswirkungen des Klimawandels, bewaffnete Konflikte, Covid-19, steigende Lebensmittelpreise usw. Denn die eine Zahl, welche den Hunger beschreibt, gibt es nicht. Die bekanntesten und meistzitierten Zahlen rund um das Thema Hunger stammen von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Diese veröffentlicht jährlich in ihrem SOFI-Report (State of Food Security and Nutrition in the World) Zahlen zu chronischem Hunger, der Ernährungsunsicherheit und Mangelernährungen.

Gemäss dem SOFI-Report 2021 litten Ende 2020 zwischen 720 und 811 Millionen Menschen an chronischem Hunger – dies entspricht rund einem Zehntel der Weltbevölkerung. Dreimal so viele Menschen – 2,37 Milliarden Menschen oder 30,4 Prozent der Weltbevölkerung – sind von schwerer und mittlerer Ernährungsunsicherheit betroffenen. Diese Zahl hat mich regelrecht schockiert: Rund ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen regelmässigen Zugang zu hochwertiger und ausreichender Nahrung! Angesichts des Überflusses an Lebensmitteln in unserer Weltregion erscheint einem diese Tatsache unwirklich und surreal. Wie kann es sein, dass trotz genügend vorhandener Lebensmittel immer noch so viele Menschen von Nahrungsunsicherheit betroffen sind oder sogar an Hunger sterben? Dies ist nicht nur unbegreiflich, sondern auch inakzeptabel.  

Gesundes Essen – für viele unerschwinglich

Der Hunger trifft Kinder besonders hart. 149,2 Millionen – rund 22 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren – erleiden Wachstumsverzögerungen aufgrund von Mangelernährung. Das hat langfristige Auswirkungen auf ihre körperliche und mentale Entwicklung. Gleichzeitig leiden 38,9 Millionen ihrer Altersgenossinnen und -genossen an Übergewicht. In beiden Fällen sind die Gesundheit und das Wohlergehen der Kinder schwer gefährdet. Es braucht dringend Massnahmen, um dies zu verhindern. Denn Kinder sind unsere Zukunft.

Neu für mich war das Thema der Mangelernährung. Denn vor meiner Recherche stellte ich mir unter Hungernden vor allem Menschen vor, die nicht genug zu Essen haben. Doch das Phänomen des sogenannt verborgenen Hungers zeigt, dass satt werden allein nicht ausreicht: Als verborgenen Hunger bezeichnet man Unterernährung aufgrund von Mikronährstoffmangel. Vielen Menschen im globalen Süden bleibt nicht viel anderes übrig, als sich von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Mais oder Weizen zu ernähren. Gemüse, Fisch oder Fleisch kommt, wenn überhaupt, nur sehr selten auf den Tisch. Deshalb leiden sie an Vitamin-, Mineralstoff- und Proteinmangel. Infolgedessen sind diese Menschen anfälliger für Krankheiten, oder sie sind zu sehr geschwächt, um zu arbeiten, um Felder zu bestellen und Nahrung zu erzeugen. Was zu einem Teufelskreis führt.

Komplexe Statistiken

Gemäss dem SOFI-Report können sich mehr als 1,5 Milliarden Menschen nicht einmal eine Ernährung leisten, die gerade mal den Bedarf an essenziellen Nährstoffen deckt. Denn in vielen Ländern liegen die Kosten für eine gesunde Ernährung weit über der internationalen Armutsgrenze von 1.90 USD pro Tag und den durchschnittlichen Lebensmittelausgaben. Betrachtet man die Berechnungsgrundlagen der FAO für den chronischen Hunger, stellt man fest, dass ihr eine reine Fokussierung auf eine minimale Kalorienzahl zugrunde liegt. Damit wird das Phänomen des verborgenen Hungers komplett ausgeblendet. Das ganze Ausmass des Hungerproblems scheint daher noch viel prekärer zu sein als die Zahlen auf den ersten Blick vermuten lassen.

Während meiner Recherche musste ich feststellen das die Berechnungsgrundlagen für die verschiedenen Hunger-Statistiken sehr komplex sind. Es ist deshalb schwierig, die Zahlen eins zu eins nachzuvollziehen. Zudem hatten in der Vergangenheit Änderungen der Berechnungsgrundlagen (2012) oder die verbesserte Datenlage (2020) massive Veränderungen bei den absoluten Zahlen zur Folge. So stieg beispielsweise die Zahl der Hungernden für das Jahr 1990 aufgrund veränderter Berechnungsgrundlagen von 843 Millionen auf 1050 an. 2020 hingegen sanken die Zahlen aufgrund der verbesserten Datenlage aus China. Die jährliche Revision der Daten verbessert zwar deren Qualität, verunmöglicht jedoch einen Vergleich zwischen den einzelnen SOFI-Reports. Diesem Umstand wird meines Erachtens in der vielfachen Kommunikation der Zahlen beispielsweise in Zeitungsartikeln zu wenig Beachtung geschenkt. Insgesamt scheint mir das Phänomen Hunger und die damit verbundenen Auswirkungen zu komplex, um sie rein durch Zahlen auszudrücken. Viel wichtiger scheint mir, die Ursachen von Hunger zu bekämpfen und dafür zu sorgen, dass allen ihr Recht auf vollwertige und gesunde Nahrung gewährt wird. Denn hinter jeder Zahl stehen Tausende von Einzelschicksalen. Diese gilt es zu beachten. Es bleibt leider noch vieles zu tun.

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