Ein Banner oder nicht? Das ist hier die Frage

13.11.2020
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Stephan Tschirren arbeitet bei Brot für alle als Bildungsbeauftragter und
Campaigner für die Konzernverantwortungsinitiative.
Er engagiert sich auch im Lokalkomitee Wohlen b. Bern für die Initiative.

Diskussionen um ein Stück Stoff am Kirchturm

Die Schweiz trägt in diesen Tagen orange. Bis heute wurden rund 70’000 Fahnen, die für die Konzernverantwortungsinitiative werben, an Balkonen, unter Fenstern und an Gartenzäunen aufgehängt. In den letzten Wochen sind nun auch noch etliche gelbe Fahnen dazu gekommen. Auch diese sind kaum zu übersehen, das hat aber nicht primär mit der Anzahl – unterdessen sind es über 300 – sondern mit den Orten zu tun, an denen sie hängen: Die gelben Banner leuchten weitherum sichtbar, vornehmlich von Kirchtürmen, aber auch von vielen anderen kirchlichen Gebäuden. – Jedoch nicht überall…

Der Entscheid für oder gegen das KVI-Banner am Kirchturm fällt den Verantwortlichen in den Kirchgemeinden und Pfarreien oft nicht leicht. Dies zeigt etwa das Beispiel von Wohlen b. Bern, wo ich mich im Lokalkomitee für die KVI engagiere. Zwar hat der Kirchgemeinderat schon vor eineinhalb Jahren seine Unterstützung der Kampagne «Kirche für Konzernverantwortung» bekannt gegeben. Doch das Aufhängen eines Banners am Kirchturm oder an anderen kirchlichen Gebäuden ist ein weiterer Schritt.

Obwohl eine Mehrheit der Ratsmitglieder die KVI persönlich unterstützt, hat der Kirchgemeinderat entschieden, dass an den kirchlichen Gebäuden in Wohlen keine Flaggen und Banner aufgehängt werden sollen.

Das liebe Geld…

Warum hat der Kirchgemeinderat, obwohl er die Initiative unterstützt, so entschieden? Flagge zu zeigen braucht Mut und die Bereitschaft sich zu exponieren, mit Widerspruch konfrontiert zu werden. Noch schwieriger wird das, wenn dadurch finanzielle Einbussen entstehen können. Die Gegner des kirchlichen Engagements für die Konzernverantwortungsinitiative drohen gerne mit dem Kirchenaustritt, was Ausfälle bei den Kirchensteuern zur Folge hätte. Zudem kritisieren die Gegner der KVI, dass die Kirche von Steuergeldern profitiere, die auch von jenen Konzernen bezahlt würden, gegen die sich die Initiative richte. Diese Haltung, sagen sie, sei inkonsequent. Ein Argument, das ich nicht verstehe. Ist es denn nicht erst recht wichtig, von diesen Konzernen die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt einzufordern, wenn die Kirchen von ihnen Geld erhalten?

Kirchenaustritte als Druckmittel

In diesem Dilemma befand sich auch der Kirchgemeinderat in Wohlen. Einerseits wollte man der christlichen Botschaft, die explizit den Schutz von Benachteiligten und der Schöpfung einfordert, gerecht werden und ihr Sichtbarkeit verschaffen. Andererseits aber wollte man möglichst keine Mitglieder der Kirchgemeinde vor den Kopf zu stossen. Einzelnen Austrittsdrohungen standen zudem auch viele Zuschriften gegenüber, die sich für ein sichtbares Einstehen für die Konzernverantwortungsinitiative einsetzten. Dies in der Tradition des langjährigen politischen Engagements der Kirchgemeinde zu Gunsten der Ärmsten auf der Erde.

Der Kirchgemeinderat fand letztlich einen pragmatischen Kompromiss: Auf das Aufhängen von Bannern an den kirchlichen Gebäuden wurde zwar verzichtet, auch weil sich die Gemeinde Wohlen, die die Gebäude ebenfalls nutzt, nicht begeistert zeigte. Dafür wurde auf der Webseite eine Stellungnahme des Kirchgemeinderats aufgeschaltet, in der dieser sowohl seine Unterstützung für die KVI wie auch die Gründe, weshalb kein Banner am Kirchturm hängt, erklärt. Zudem konnte die Pfarrfamilie am privat gemieteten Pfarrhaus eine grosse Flagge aufhängen.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Zum einen zeigt sie uns, dass solche Entscheide manchmal vielschichtiger sind, als es auf den ersten Blick scheint. Zum anderen, dass es sich lohnt, sich aktiv in der Kirchgemeinde einzubringen: denn wenn sich progressive Stimmen aus den Kirchen verabschieden, erhalten die anderen, vor allem wenn sie finanziell argumentieren, noch mehr Gewicht.

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