Bio Suisse zertifiziert Palmölplantage

12.03.2021
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Silva Lieberherr arbeitet bei Brot für alle
als Fachperson für Landwirtschaft und Landrechte

Kein Bio-Label für konzerndominierte Landwirtschaft!

Die Knospe von Bio Suisse wird gemäss klaren Richtlinien vergeben: Sie steht für Bioproduktion, Nachhaltigkeit – und auch für Fairness. Und sie geniesst bei Konsumentinnen und Konsumenten eine hohe Glaubwürdigkeit.

Längst wird das Label nicht mehr bloss an Produkte aus der Schweiz verliehen. Bio Suisse lässt etwa auch Palmöl aus biologischem Anbau in Asien oder Afrika zertifizieren. Eine dieser zertifizierten Palmöl-Plantagen ist die «Agripalma» auf den afrikanischen Inseln São Tomé und Principe. Betrieben wird sie vom luxemburgischen Konzern Socfin.

Heftige Kritik

Socfin ist kein unbekannter Konzern. Er hat seine Wurzeln im kolonialen Schreckensregime des belgischen Königs Leopold II in der heutigen Demokratischen Republik Kongo und betreibt gegenwärtig Kautschuk- und Palmölplantagen in neun Ländern in Afrika und Asien.

2019 dokumentierte Brot für alle in einem Bericht Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen auf den Socfin-Plantagen in Liberia. Seit da arbeiten wir eng mit der lokalen Organisation Green Advocates zusammen, die die betroffenen Menschen unterstützt. In Kamerun arbeitet RADD, eine Partnerorganisation von Brot für alle, mit Frauen, die im Einzugsgebiet von industriellen Plantagen leben, auch von Socfin-Plantagen. Sexuelle Gewalt gehört dort vielerorts zur Tagesordnung.

Wir sind leider nicht die einzigen, die diese Vorwürfe erheben. Nicht nur in Liberia und Kamerun, auch in anderen Ländern äussern zivilgesellschaftliche Gruppen seit Jahren massive Kritik an den Geschäftstätigkeiten von Socfin. Es gab Berichte zu den Socfin-Plantagen in Sierra Leone, in denen es um Land Grabbing und Kriminalisierung von Menschenrechtsverteidigern geht. Gegen Socfin und eine Hauptbesitzerin des Konzerns, die Bolloré-Gruppe, laufen zurzeit in Frankreich Gerichtsprozesse betreffend Landrechte in Kambodscha und mutmasslicher Nicht-Einhaltung von Abmachungen in Kamerun. Dies sind nur einige Beispiele, und die Klagen der lokalen Bevölkerung gleichen sich stets: unregelmässige Prozesse bei der Landvergabe, schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen auf den Plantagen, Gewalt gegen MenschenrechtsverteidigerInnen und Frauen sowie fehlende Einbindung der lokalen Bäuerinnen und Bauern (dazu auch: https://news.mongabay.com/2020/06/how-the-legacy-of-colonialism-built-a-palm-oil-empire/ ).

Auch bei der jetzt mit der Bio-Knospe zertifizierten Agripalma-Plantage kam nach einer ersten Recherche schnell der Verdacht auf, dass Agripalma die Bio-Suisse-Richtlinien nicht erfüllt – hinsichtlich der Abholzung von Regenwald, der Verletzung von Landrechten der ansässigen Bevölkerung sowie der Einbindung von KleinbäuerInnen. Im Moment gehen wir diesen Vorwürfen nach.

Die Knospe muss mehr sein

Wird Socfin mit diesen kritischen Äusserungen konfrontiert, reagiert der Konzern ausgesprochen heftig. So gehen Socfin und die Bolloré-Gruppe regelmässig juristisch gegen ihre KritikerInnen vor. Über die letzten zehn Jahre haben sie fast dreissig Verleumdungsklagen gegen NGOs und Journalisten eingeleitet; praktisch immer erfolglos (Link: https://onnesetairapas.org/). Und wenn die Betroffenen vor Ort ihre Anliegen immer lauter formulieren, wird alles darangesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. In Liberia zum Beispiel versuchte das Plantagenmanagement, den lokalen Widerstand zu spalten. Gleichzeitig verweigert es sich Konfliktlösungsprozessen  (weiterführende Informationen: https://newspublictrust.com/special-report-power-dynamics-of-multinational-corporations-in-liberia/ und https://www.woz.ch/-b0d7 ).

Der multinationale Konzern ist ein Paradevertreter einer Landwirtschaft aus der Zeit des  Kolonialismus, die sich noch heute der gleichen Strukturen bedient: Einer Landwirtschaft, die den globalen Süden als Produzent von Rohstoffen ausbeutet und damit Gewinne für ihre Aktionäre generiert, während die Rechte und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung hintenangestellt werden.

Die Tatsache, dass ein solcher Konzern sich mit der Bio-Knospe grün waschen kann, ist ein Skandal: Sein Geschäftsgebaren läuft den Bestrebungen für eine nachhaltige Landwirtschaft zuwider. Völlig unabhängig davon, ob es bei Agripalma tatsächlich Verstösse gegen die Richtlinien von Bio Suisse gab.

Denn die Knospe muss mehr bieten als bloss ein Gütesiegel für die strenge Einhaltung ökologischer Kriterien. So wie es die Richtlinien von Bio Suisse vorsehen: Die Knospe steht für Nachhaltigkeit und Fairness – für eine bessere Landwirtschaft, die die Umwelt und auch die Menschen achtet. Hält sie sich nicht daran, braucht es sie nicht.

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