«Bei uns werden chronisch unterernährte Kinder sterben»

06.04.2020
Michael_Kohli

Michael Kohli arbeitet bei Brot für alle
als Praktikant für die Ökumenische Kampagne
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«Bei uns werden die chronisch unterernährten Kinder sterben» 

Juana Vásquez Arcón aus Guatemala
In diesen Tagen hätte ich Juana Vásquez Arcón aus Guatemala auf ihrer Reise durch die Schweiz begleitet. In Schulen, Kirchgemeinden und Pfarreien hätten wir über Saatgut gesprochen, das Thema der diesjährigen Ökumenischen Kampagne. 

Stattdessen sitzen wir nun beide in unserem Zuhause – sie in Guatemala-Stadt und ich in Zürich. Leider konnte ich Doña Juana Arcón nicht direkt sprechen. Von Inés Pérez, der Koordinatorin des ökumenischen Landesprogramms in Guatemala, habe ich aber erfahren, dass es ihr gut geht und sie sich auch in dieser schwierigen Zeit für andere Menschen einsetzt: Sie übersetzt relevante Informationen zum Coronavirus in die Maya-Sprache K’iche’. 

Die Corona-Pandemie legt auch in Guatemala das öffentliche Leben still. Seit dem 22. März ist eine Ausgangsperre in Kraft: Zwischen 16 Uhr bis 4 Uhr in der Früh darf sich niemand draussen aufhalten. «Ich muss nicht mehr auf die Uhr schauen, immer um 16 Uhr höre ich die Sirenen und Lautsprecher der Polizei», sagt YojanaMiner, die das ökumenische Landesprogramm begleitet. Das offizielle Guatemala versuche so zu vermitteln, dass man die Lage unter Kontrolle habe

Repression statt Unterstützung 

Genau das bezweifelt YojanaMiner jedoch. Es würden viel zu wenige Tests durchgeführt und die Notkredite falsch eingesetzt. Das Geld werde für temporäre Spitäler ausgegeben, statt ins marode Gesundheitssystem investiert, was nachhaltiger wäre. Und statt jene Menschen zu schützen und zu unterstützen, die am meisten unter den Einschränkungen leiden, setze die Regierung auf Repression. So wurde etwa ein Bauer, der zehn Minuten zu spät seine Arbeit verliess, kurzerhand festgenommen, und seine weinende Tochter gleich mit.  

Die einschränkenden Massnahmen der Corona-Bekämpfung treffen nicht alle gleich. Es gibt in Guatemala viele, die auf ein tägliches Einkommen aus informellen Arbeiten angewiesen sind. Schuhputzer und  Tortillaverkäuferinnen leben von der Hand in den Mund, das heisst: Ohne Arbeit gibt es kein Essen 

Fatale Ausgangssperre 

Fast ein Viertel der guatemaltekischen Bevölkerung lebt in extremer Armut. «Wie kann man von den Leuten erwarten, dass sie immerzu ihre Hände waschen, wenn sie nicht einmal Wasser zum Trinken haben?», fragt Inés Pérez. Es werde in erster Linie Politik für die gut informierte Mittelklasse gemacht, welche Möglichkeiten hat, ihre Kritik im öffentlichen Diskurs anzubringen, ergänzt ihre Kollegin Yojana Miner.  

«Ich sorge mich vor allem um die Leute auf dem Land, die einfach nur hoffen, dass das Virus nicht bis zu ihnen kommt», sagt die Programmmitarbeiterin, die aktuell in der Hauptstadt festsitzt und die Leute in den Projekten nicht besuchen kann«Wenn es kommt, ist es fatal, weil die Lebensbedingungen so prekär sind. Bei uns werden nicht die älteren Generationen sterben, in Guatemala werden die chronisch unterernährten Kinder sterben. Vielleicht kommt das Virus nie bis zu diesen Menschen, aber es kommt auch kein Essen mehr zu ihnen. Und diese Folgen der Ausgangssperre sehen wir schon heute.» 

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