Barbaren in der Scheune 3

06.10.2020
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Claudia Stürzinger und Silva Lieberherr arbeiten bei Brot für alle im Bereich Landwirtschaft.

Problematische Investitionen in veraltete Landwirtschaftsmodelle

Kürzlich hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in seinen News stolz darüber berichtet, dass ein Schweizer Akteur im Mittelpunkt steht, wenn es darum geht, der «Finanzierungsproblematik» in den ländlichen Gebieten im globalen Süden entgegenzuwirken: die Firma Bamboo Capital Partner, eine Private Equity Gesellschaft mit Sitz in Genf. Via Bamboo Capital fliesst auch Geld der Deza. Dieses Geld nimmt jedoch verschlungene Wege. Es lohnt sich hinzuschauen, wohin es fliesst.

Die Deza zahlte einen Betrag in der Höhe von 9.3 Millionen Schweizer Franken an den Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD). IFAD, eine Sonderorganisation der UNO, ist eine internationale Finanzinstitution, die Kredite an Unternehmen im Agrarsektor vergibt. Neuerdings setzt auch IFAD auf Private Equity und hat dazu einen eigenen Private Equity Fonds initiiert, den ABC Fonds. Ziel des IFAD ist, für diesen Private Equity Fonds in den nächsten zehn Jahren 200 Millionen Euro von öffentlichen und privaten Investoren zu mobilisieren. Dazu gehören auch die gut neun Millionen Schweizer Franken, welche die Deza an den IFAD bezahlt hat.

Verwaltet wird der ABC Fonds von der vom EDA gelobten Firma Bamboo Capital Partners – einem sogenannten Social Impact Investor. Normalerweise erhalten die Manager von Private Equity Fonds zwei Prozent des investierten Kapitals als Gebühr. Auf Anfrage weist die Deza darauf hin, dass die zwei Prozent Beteiligung mit zunehmendem Investitionsvolumen abnehmen und der ABC Fonds eine andere Gebührenstruktur habe. Der Aufsichtsratsvorsitzenden des ABC Fonds hingegen relativiert: Die Gebühren würden «die sehr grosse Zahl von Investitionen miteinbeziehen», da der Fonds nur – für die Branche – kleine Kredite vergebe. Viele kleine Kredite bedeuten viel Zeitaufwand für die Fondsmanager, dafür will er entsprechend entlöhnt werden. Wieviel Bamboo Capital tatsächlich für seine Dienste kassiert, war nicht in Erfahrung zu bringen. Dies unterliegt gemäss Deza der Vertraulichkeit.

Die hohen Gebühren sind eine Sache. Ein weitere, zentrale Frage ist, welche landwirtschaftlichen Projekte mit den Fondsgeldern gefördert werden. Laut EDA-News bringt die Schweiz mit Bamboo Capital Fachwissen ein. Das ist unbestritten. Aber ob es sich dabei um landwirtschaftliches Fachwissen handelt, ist fraglich, da sämtliche Mitarbeitenden der Firma aus dem Finanzwesen kommen. Entsprechend wählt der ABC Fonds auch seine Projekte aus: er setzt auf «Kapitalbeteiligungen zur Unterstützung von Bauernorganisationen, ländlichen KMUs und Finanzinstitutionen in Entwicklungsländern», deren wichtigstes Kriterium ist, dass sie «ein hohes Wachstum» aufweisen. Kristina Lanz von Alliance Sud beurteilt solche Entwicklungsfinanzierungen kritisch: «Um die Armut, die Ungleichheit und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen im Sinne der SDGs (UN Ziele für nachhaltige Entwicklung, Anm.d.Red.) zu reduzieren, braucht es einen Fokus auf die ärmsten Bevölkerungsschichten sowie auf nachhaltige Produktions- und Konsumverhältnisse. Das lässt sich mit den Liquiditäts- und Profitvorstellungen der Finanzwirtschaft schwierig vereinbaren.»

Falsche Stossrichtung

Eines der ersten Investments des ABC-Fonds ist die Firma Dragon Farming in Ghana, eine Tochterfirma der US-amerikanischen Inter Grow-Company Ltd. Diese verarbeitet in grossem Stil Sojabohnen zu Futter für Nutztiere. Dank den Investitionen aus dem ABC Fonds soll die Menge an zu verarbeitenden Sojabohnen noch dieses Jahr um 40 Prozent erhöht werden. Insbesondere im nördlichen Ghana, wo ein Teil des Soja für Dragon Farming angebaut wird, sind die Folgen spürbar: «Diese Intensivierung [des Sojaanbaus] führt zu einem verstärkten Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden, der die ohnehin empfindlichen Ökosysteme schädigt und ihre Regenerationsfähigkeit untergräbt. Die wenigen verfügbaren Ackerflächen werden für den Sojaanbau genutzt, sodass den Familien nur sehr wenig oder gar kein Land für den Anbau anderer lokaler Grundnahrungsmittel wie Getreide, Maniok und Gemüse zur Verfügung steht», sagt Amos Yesutanbul Nkpeebo, Forschungsleiter der FIDEP Foundation, einem renommierten Think Tank mit Sitz in Ghana, der sich auf Landwirtschaft, Klimawandel und Ökosysteme konzentriert.

Auch die Organisationen, mit denen der ABC-Fonds zusammenarbeitet, stehen für eine industriell kapitalistische Landwirtschaft. So zum Beispiel die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA), die als eine der Investorinnen des ABC-Fonds mit dem IFAD und Bamboo gemeinsam die Projekte des Fonds auswählt. AGRA arbeitet eng mit grossen Agrarkonzernen wie Syngenta oder Bayer zusammen, deren Geschäftsmodell auf dem Verkauf von Pestiziden und patentgeschütztem Saatgut basiert. Diese Art von Landwirtschaft führt zu vermehrter Abhängigkeit von Agrarkonzernen. Sie steht damit im Widerspruch zur Förderung der Ernährungssouveränität der Bevölkerung, für die sich Brot für alle und alle unsere Partnerorganisationen einsetzen. Ausserdem zeigt eine kürzlich erschiene Studie, dass die AGRA mit ihren Methoden ihre eigenen Ziele, wie die Verbesserung der Einkommen der Kleinbäuerinnen oder Hungerbekämpfung, nicht erreicht hat.

Finanzgetriebene Landwirtschaft – eine Sackgasse

Das Beispiel aus Ghana zeigt: Solche Investitionen tragen nicht zur Lösung der lokalen Probleme bei. Dafür braucht es eine andere Landwirtschaft. Der Norden Ghanas sei stark verarmt, erklärt Amos Yesutanbul. Er arbeitet eng mit Kleinbauern und -bäuerinnen zusammen und plädiert für nachhaltige Interventionen: «Wir empfehlen die Unterstützung der bäuerlichen Landwirtschaft, die Verbesserung der lokalen Ernährungssysteme, eine Agrarreform und Agrarökologie. Zu diesen Lösungen haben wir solide Daten, die zeigen, dass sie umsetzbar sind. Sie könnten die Sicherheit und Nachhaltigkeit der Lebensgrundlagen der Gemeinschaften in der nördlichen Region Ghanas gewährleisten.»

Warum also die Tatsache, dass eine Schweizer Firma einen Fonds managt, der die industrielle, profitorientierte Landwirtschaft im globalen Süden fördert und dafür noch beachtliche Gebühren erhält, laut EDA ein Grund zum Feiern ist, erschliesst sich uns nicht. Dass auch Gelder der Deza in diesen Fonds fliessen, ist bedenklich. Wir brauchen nicht eine finanzgetriebene Landwirtschaft, sondern eine nachhaltige, auf die Menschen ausgerichtete. Das ist die Art von Landwirtschaft, in die die Deza investieren muss.

 

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