Barbaren in der Scheune 2

02.10.2020
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Claudia Stürzinger und Silva Lieberherr arbeiten bei Brot für alle im Bereich Landwirtschaft.

Der Milchmann – wie Investitionen in den Bankrott führen können

Doodhwala – Milchmann – hiess ein Start-up, das in drei grossen indischen Städten ein digitales Abosystem für Milchprodukte entwickelte. Das Unternehmen wurde im Jahr 2015 gegründet und lieferte 2018 täglich 30’000 Liter Milch von lokalen Produzentinnen und Produzenten aus. Bis 2021 wollte Doodwhala 10 Millionen Milchabos erreichen. Dazu gingen sie auf Investorensuche.

Vom Private Equity Fonds «Omnivore Partners» bekamen die Milchmänner 2,2 Millionen US-Dollar. Zu den Investoren dieses Fonds gehörten mehrere Entwicklungsbanken, darunter auch SIFEM (Swiss Investment Fund for Emerging Markets), der sich mit 7 Millionen US-Dollar am «India Fund II» von Omnivore beteiligte. Bei SIFEM, der bundeseigenen Entwicklungsbank, die via Obviam in private Unternehmen in Schwellenländern investiert, sind mit 63 Prozent weit über die Hälfte der Investitionen Private Equity Investitionen, wie im letztjährigen Geschäftsbericht von SIFEM nachzulesen ist.  

Der Bankrott

Was genau geschehen ist, nachdem Omnivore investiert hatte, bleibt ungewiss. Fest steht, dass Doodhwala 2019 bankrott ging und die beiden Gründer von der Bildfläche verschwanden. Zurück blieben offene Verpflichtungen gegenüber mehr als hundert Mitarbeitenden, 35 Milchlieferanten, etlichen Kundinnen und Kunden sowie Klagen vor Gericht, wie ein Report von GRAIN (auf Englisch), einer Partnerorganisation von Brot für alle berichtet. Manjunatha Krishnamurthy von Erden Creamery, einem der grossen Milchlieferanten für Doodhwala, wählt deutliche Worte: «Weder der Investor Omnivore noch die Eigentümer von Doodhwala übernahmen irgendeine Verantwortung. … Mit dem schnellen Geld, das Omnivore investierte, gab es keine Aufsicht und es wurden keine Überprüfungsverfahren befolgt, um die Lecks im System- und Liefergeschäft von Doodhwala zu überprüfen», erzürnt er sich am Telefon. Erden Creamery und zwei weitere Milchlieferanten verloren insgesamt fast 250’000 USD.

Weshalb Doodhwala bankrott ging und welche Rolle Omnivore Partners gespielt haben, ist bis heute nicht geklärt. Aber Krishnamurthy erzählt: «Der Direktor von Omnivore verliess das sinkende Schiff (den Verwaltungsrat von Doodhwala, Anm.d.Red.) einen Monat vor dem Bankrott und ließ uns im Stich.» Nun – er konnte das getrost tun. Denn Private Equity Deals ermöglichen es den Fondsmanagern, Verwaltungsgebühren plus Vergütungen und oftmals versteckte Gewinnbeteiligungen aus der Firma abzuziehen – egal ob diese schlussendlich bankrott geht oder nicht. «Bei der Geschichte von Doodhwala geht es nicht um Investitionen, sondern um einen Betrug … an uns Milchlieferanten», stellt Manjunatha Krishnamurthy klar.

Verantwortungsverwässerung

Transparenz und Verantwortung sucht man bei Private Equity Investitionen vergeblich. So sehen denn auch Obviam, die Geschäftsführer des SIFEM die Geschichte anders. Auf Anfrage sagen sie, für das Scheitern von Doodhwala seien grössere Akteure in der Region mit teils aggressiven Übernahmen verantwortlich gewesen. Die Mehrheit des Personals habe eine neue Beschäftigung gefunden, die Kundschaft sei nicht geschädigt worden und von den Lieferanten würden keine Forderungen mehr gestellt. Zumindest Letzteres stimmt nachweislich nicht, denn die Verpflichtung gegenüber Krishnamurthys ist noch immer offen. SIFEM betont zudem, dass es sich um indirekte Investitionen gehandelt habe und die Verantwortung für die Anlagetätigkeit beim Fondsmanager liege.

Dies verdeutlicht das Problem von Investitionen der Entwicklungsbanken via Private Equity Fonds in solche Projekte, denn gemäss GRAIN Report  haben die Investoren des Omnivore Fonds 25% Rendite auf ihre Investitionen erhalten. Aber die Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung der Firma und derer, die davon abhängen, trägt niemand. So sagt etwa die bundeseigene Entwicklungsbank SIFEM, solche Risiken seien Teil ihres bundesrätlichen Auftrags. Mit lediglich fünf Prozent sei die Beteiligung des Omnivore Fonds an Doodhwala zudem sehr gering gewesen. Auch für SIFEM handelte es sich um einen kleinen Teil ihrer Investitionen, bei dem das Risiko eines Verlusts einkalkuliert war. Aber nicht alle kommen in solchen Fällen so glimpflich davon wie die Investoren – manche, wie Manjunatha Krishnamurthy und seine Firma Erden Creamery, bringen solche Investitionen an den Rand des Ruins.

 

Manchmal nehmen Private Equity Investitionen mit öffentlichem Geld ganz andere, noch viel verschlungenere Wege. Im nächsten Blog erzählen wir eine aktuelle Geschichte darüber, wie die Schweiz Private Equity in Ghana ermöglicht.

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