Alle reden von Hygiene – niemand von Monatshygiene

30.06.2020
karin mader

Karin Mader arbeitet bei Brot für alle
als Fachexpertin für Menschenrechte im Elektroniksektor

«Die Frauen trifft es am stärksten»

Kürzlich habe ich im «Guardian» einen Artikel mit dem Titel «Food over sanitary pads» gelesen. Er handelt von Hausangestellten und Wanderarbeiterinnen in Asien, die infolge der Pandemie auf ihre Monatshygiene verzichten müssen. Weil sie plötzlich nicht mehr genug Geld haben, um sich Damenbinden zu kaufen. Weil sie mit dem Wenigen, das während dem Lockdown oder aufgrund der plötzlichen Arbeitslosigkeit noch übrig bleibt, zuerst fürs Essen sorgen müssen. Überall spricht man während der Pandemie über die Wichtigkeit von Hygiene; an Monatshygiene hatte ich dabei nicht gedacht! Als ich sie darauf anspreche, kommentiert die Koordinatorin einer Partnerorganisation im internationalen Good Electronics-Netzwerk, in dem wir Mitglied sind, um gemeinsam die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern in der globalen Elektronikindustrie zu verteidigen: «Ja, Frauen trifft es am stärksten – gerade in Bereichen, von denen kaum jemand spricht, weil sie nicht so offensichtlich oder mit Scham behaftet sind.» Wanderarbeiterinnen leiden dabei gleich mehrfach: Wie die meisten Fabrikarbeitenden müssen sie häufig unter gesundheitsschädigenden Bedingungen, ohne ausreichende Sozialleistungen und zu Löhnen, die kaum fürs Leben reichen, arbeiten. Migrantinnen sind gegenüber lokalen Angestellten auch rechtlich und vertraglich benachteiligt. Dazu kommt, dass die meist jungen und ledigen Frauen an ihrem Arbeitsort und in den fabrikeigenen Wohnheimen vermehrt dem Risiko sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind.

Kein Geld für Damenbinden

Zahlreiche Arbeitsmigrantinnen in der Elektronik-, Spielzeug-, Schuh- und in vielen weiteren Industrien verloren während der Pandemie ihre Arbeit und ihr Einkommen. Manche blieben am Arbeitsort, weil die Grenzen zur Heimat gesperrt waren, weil sie nicht genügend Reisegeld hatten oder weil sie befürchteten, ihre Familien zu Hause mit dem Virus anzustecken. Abertausende machten sich auf den Heimweg. Allen gemein ist, dass sie kaum über genügend Mittel verfügen, um sich und ihre Familien kurz- oder längerfristig über Wasser zu halten. Die Preise für Unterkünfte und Nahrungsmittel steigen und zehren die Reserven auf. Und so kommt es, dass immer mehr Frauen – im Wohnheim am Arbeitsort, unterwegs auf der Heimreise oder bereits zu Hause bei ihren Familien – auf ihre Monatshygiene verzichten, um mit dem eingesparten Geld Nahrungsmittel zu kaufen.   

Wie können sie während ihrer monatlichen Periode für ihre persönliche Hygiene sorgen und sich ein würdiges Dasein leisten? Meine Gesprächspartnerin vom Good Electronics-Netzwerk weiss auch keinen Rat. Wir vereinbaren, dass wir eine Diskussion dazu anregen und zusammen mit unseren Partnerorganisationen in Asien überlegen, wie in der aktuellen Situation zu helfen ist. Ich gehe mit meiner Kollegin einig: «Den Bedarf festzustellen und darüber zu reden ist ein erster, wichtiger Schritt, um reagieren zu können. Nicht zuletzt für die Frauen selbst.»

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